Botschaft von Frauen aus Fukushima zum 15. Jahrestag von Fukushima

Wie jedes Jahr veröffentlichen wir Botschaften von Frau Ruiko Muto und Frau Akiko Morimatsu zum Jahrestag von Fukushima, die wir ins Deutsch übersetzt haben. Sie sind auch in der englischen sowie französischen Übersetzung erhältlich.

Die Nuklearkatastrophe wird hinter einem Schleier versteckt

Ruiko MUTO Einwohnerin von Fukushima, Vertreterin der Strafrechtskläger

Kein verstrahltes Wasser ins Meer ableiten! (Ruiko ganz links)

15 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima: Vielseitige Probleme, die durch den andauernden Unfall des AKW Fukushima Daiichi verursacht wurden, werden durch das Narrativ des „Wiederaufbaus“ immer mehr unsichtbar gemacht.

Am 5. März 2025 sprach der Oberste Gerichtshof die ehemaligen Führungskräfte von TEPCO frei und wies die Berufung im Strafverfahren zurück. Somit muss niemand zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden für die Havarie, aus der große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt und so viel Gebiete unbewohnbar geworden sind. Nach wie vor können viele nicht in ihre Heimat zurück. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs 2022, das den Staat von jeglicher Verantwortung freisprach, folgen die gleichen Urteile bei allen ähnlichen Zivilprozessen. 

Der Staat stellt jährlich ein beträchtliches Budget für das Projekt „Innovation Coast“ zur Förderung von Hightech-Unternehmen bereit. In der Gemeinde Nami’e soll ein Forschungszentrum entstehen mit dem Hauptquartier „F-REI*1“. 50 internationale Forscherteams sollen eingeladen, Schulen und Kindertagesstätten für deren Familien eingerichtet werden. Auf der anderen Seite mussten viele Industrien und Betriebe in Fukushima Konkurs anmelden. Solche Projekte, die man als „Katastrophenkapitalismus“ bezeichnen könnte und die nichts mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Opfer zu tun haben, scheinen den betroffenen Gebieten keinerlei Hilfe zu bringen. Ist das nicht eine Missachtung der lokalen Demokratie und der Bevölkerung von Fukushima? Nebenbei wird die „Wiederverteilung“ von radioaktiven Materialien vorangetrieben: Ableitung von kontaminiertem Wasser ins Meer, „Recycling“ der abgetragenen, verseuchten Erde. 

Nach dem Atomunfall sind sehr viele Menschen psychisch und körperlich krank geworden und gestorben, aber die Zahlen werden nicht erfasst, bis auf die Schilddrüsenkrebsfälle, die in der Reihenuntersuchung durch die Präf. Fukushima entdeckt werden. Diese einzige gesundheitsrelevante, regelmäßig praktizierte Untersuchung wird aber nur denjenigen angeboten, die zum Zeitpunkt des Unfalls als Minderjährige in Fukushima lebten. Der Zusammenhang zwischen der erhöhten Inzidenz der Schilddrüsenkrebsfälle und dem Atomunfall wird allerdings stets geleugnet. Dafür wird eine Unmenge an Steuergeldern ausgegeben, damit große Werbeagenturen Propagandainformationen durch die Medien verbreiten.

In dem 2025 von der Regierung verabschiedeten Strategieplan für Energie steht die Atomenergie als Grundlastträger, die maximal genutzt werden soll. Entsprechend wird an verschiedenen Standorten die Wiederinbetriebnahme von AKWs vorbereitet, die seit Fukushima abgeschaltet sind. Das AKW Onagawa (Präf. Miyagi) wurde 2024 wieder ans Netz genommen, und das AKW Kashiwazaki-Kariwa (Präf. Niigata), das im Januar 2026 folgen sollte, musste nach dem Einschalten wegen eines Fehlers schnell wieder gestoppt werden. Tepco will es aber gleich wieder in Betrieb nehmen (Stand 06.02.2026).

Seit 2024, nachdem ein investigativer Journalist die engen Verbindungen zwischen großen Anwaltskanzleien, aus denen bestimmte Richter des Obersten Gerichtshofs stammen, und Stromversorgern wie TEPCO und der Atomaufsichtsbehörde aufgedeckt hat, organisieren zahlreiche Kläger und Anwälte eine „Menschenkette um den Obersten Gerichtshof”, um die Unabhängigkeit der Justiz zu fordern. Andere reichen Klage gegen den Staat und TEPCO ein, um die Einleitung von radioaktivem Wasser ins Meer zu stoppen. Es werden Bürgerversammlungen organisiert, um die sichere Stilllegung des havarierten Kraftwerks zu fordern. Schließlich haben Bürger der Gemeinde Miharu ein Handbuch für die Verteilung von stabilem Jod im Falle eines nuklearen Unfalls herausgegeben.*2

Wenn die Regierung und die Atomlobby wie Bulldozer mit ihrer politischen und finanziellen Macht unsere Heimat niederzuwalzen drohen, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin wachsam, standhaft und aufrichtig Widerstand zu leisten und Schritt für Schritt voranzuschreiten.

*1 : F-REI steht für “The Fukushima Institute for Research, Education and Innovation”

*2: Miharu gehört zu den nur drei Gemeinden, die beim Atomunfall von 11.3.2011 rechtzeitig die Initiative ergriffen haben, Jodtabletten an die Einwohner zu verteilen.

Leben ohne Strahlenbelastung ist ein grundlegendes Menschenrecht

Akiko MORIMATSU Vertreterin der Klägergruppe „Kansai“ gegen Tepco und den Staat

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 bin ich mit zwei minderjährigen Kindern aus Fukushima geflohen, um uns vor Strahlen zu schützen.

Nach dem Unfall erhielten wir keine Information über die radioaktive Kontamination, entsprechend wurden wir unnötig lang und viel Strahlen ausgesetzt. Während Luft, Wasser und Boden verseucht wurden, hatten wir keine andere Möglichkeit gehabt, als aus der Leitung Wasser zu trinken, in dem radioaktive Substanzen später nachgewiesen werden sollten. Ich stillte sogar meine Tochter.

Die Behörden, die uns einst versprochen hatten, es würde niemals einen Atomunfall geben, haben nach dem GAU kurzerhand den „Grenzwert“ für Strahlung gelockert. Durch die Anwendung ihrer wirtschaftlichen Logik haben sie willkürliche Grenzen gesetzt, um zu entscheiden, wer als Opfer anerkannt wird, und haben so die Opfer untereinander gespalten.

Viele Betroffene leiden jedoch auch 15 Jahre nach dem Unfall noch immer unter dessen Folgen, unabhängig davon, welcher Opferstatus ihnen aufgrund der administrativen Einteilung zugewiesen wurde. Der Grund dafür ist einfach: Die radioaktive Kontamination besteht weiterhin. Und weil ich meinen Kindern nicht einmal ein einziges zusätzliches Mikrosievert unnötiger Strahlenbelastung zumuten möchte, führe ich auch heute noch dieses Leben als Selbst-Evakuierte, ohne eine Entschädigung und Wohnungsbeihilfe zu erhalten.

Das ist aber eindeutig die Verletzung eines lebensrelevanten und existentiellen Grundrechtes, nämlich: keinen Strahlen ausgesetzt zu werden und gesund zu leben.

Aber die Justiz in Japan will den nach Fukushima vom Staat gelockerten Grenzwert nicht in Frage stellen. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2022 ist es für die Geflohenen aus Fukushima extrem schwierig geworden, in Zivilprozessen Entschädigungen zu erhalten. Das bedeutet, dass das Menschenrecht, „unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden“, im japanischen Rechtssystem nicht respektiert wird.

Die ganze Frage der Atomenergie ist vor allem die der Menschenrechte.

Japan ist das einzige Land, über das Atombomben in einer Kriegsführung abgeworfen wurden. Seitdem sind über 80 Jahre vergangen. Durch „Nihon Hidankyo“, die mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, und zahlreiche Strahlenopfer der Welt, die ihre Stimmen zu erheben anfingen, hat sich das japanische Wort „Hibakusha“ (Atom-/Strahlenopfer) international etabliert. Es ist an der Zeit, dass Japan mit seinen Erfahrungen von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima die Rolle eines Meinungsführers einnimmt, um das Recht darauf, sich vor Strahlen zu schützen, als ein universelles Menschenrecht einzufordern.

Unter den „Hibakusha“ sind ebenfalls Opfer von Kern- und Wasserstoffbomben, verstrahlte Arbeiter, die beim Uranabbau tätig sind. Umweltverschmutzung durch Ableitung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer oder durch unsichere Lagerung von Atommüll ist im Grunde nichts anderes als Verbreitung von Strahlenschäden. Nach den Erfahrungen von Fukushima wissen wir, dass jeder leicht zum Strahlenopfer werden kann, egal ob durch zivile oder militärische Nutzung der Atomenergie.

Für die Beendigung von Strahlenschädigungen der Welt wäre die Anerkennung dieses Rechtes, Strahlenbelastung zu vermeiden, der erste wichtige Schritt.

Das ist die Zukunft, die wir anstreben müssen. Deshalb halten wir es für notwendig, mit allen Strahlenopfern der Welt solidarisch verbunden zu sein, um gemeinsam für die Verwirklichung dieses universellen Rechts zu kämpfen.

Die Klägergruppe der Region Kansai vor dem Abschluss der Sammelklage am 24.12.2025

©Takezo Takahashi

Infobroschüre Fukushima 15 Jahre danach

Herausgegeben von Sayonara Nukes Berlin zum 15. Jahrestag von Fukushima

Die Infobroschüre “FUKUSHIMA 15 Jahre danach” ist nun fertig und sowohl als PDF als auch gedruckte Version kostenlos erhältlich!

Wer gedruckte Broschüren haben möchte, bitte schreib uns eine Mail mit der gewünschten Anzahl der Exemplare und die Lieferadresse. Es wäre schön, wenn ihr die Versandkosten tragen würdet. Spenden sind natürlich immer willkommen!

Wer die Broschüre als Web-Version herunterladen möchte, kann es hier unten machen.

Unsere Jahresdemo findet dieses Jahr am Sonntag den 18. April 2026 ab 12 Uhr am Brandenburger Tor/Pariser Platz in Berlin – zum 15. Jahrestag von Fukushima UND zum 40. Jahrestag von Tschernobyl.

Verhindern, dass die Geschichte der Atomkatastrophe umgeschrieben wird

Ankündigung: Infobroschüre Fukushima 15 Jahre danach

von Sayonara Nukes Berlin

Verhindern, dass die Geschichte der Atomkatastrophe umgeschrieben wird

Der Stromausfall infolge des Erdbebens und des Tsunamis am 11. März 2011 verursachte bei drei Reaktoren Kernschmelzen im AKW Fukushima Daiichi. Eine großflächige radioaktive Kontamination war die Folge.

Nach Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl und Fukushima haben wir gesehen: Das erste und bleibende Opfer von menschengemachten Katastrophen ist die Wahrheit: Fakten werden geleugnet, Daten vertuscht, Schäden verharmlost. Dafür werden Propaganda-Informationen verbreitet, Sicherheitsstandards gelockert.

Fünf Protagonisten berichten von der aktuellen Situation in Japan, 15 Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima.

Die Broschüre wird ab Anfang März 2026 kostenlos erhältlich sein und/oder auch online verfügbar.

Wer die gedruckte Broschüre haben möchte, kann ab sofort bei uns vorbestellen. In dem Fall bitte schreibt uns, wieviel Exemplare ihr wollt und wo sie hingeschickt werden sollen. Es wäre schön, wenn ihr dann die Versandkosten tragen würdet. Die Spenden sind natürlich immer willkommen!

Herausgeber: Sayonara Nukes Berlin

Mitwirkung: Thomas Dersee (Strahlentelex-Archiv)

Förderung: Netzwerk-Selbsthilfe e.V.

Unterstützung: Friedensglockengesellschaft e.V. , .ausgestrahlt

Gestaltung: Holger Müller (holgermmueller.de/)

Hiroshima-Erklärung

World Nuclear Victims Forum (Forum der Atomopfer der Welt)

Erklärung über die Rechte der Weltatomopfer 2025

Original: https://mp-nuclear-free.com/Nuclear/2025_WNVF_01.html

Am 5. und 6. Oktober 2025 fand das Forum der Atomopfer der Welt (World Nuclear Victims Forum) in Hiroshima statt. Dieses haben zwei Organisationen initiiert:

核兵器廃絶をめざすヒロシマの会  Hiroshima Alliance for Nuclear Weapons Abolition (HANWA)
核のない世界のためのマンハッタン・プロジェクト  Manhattan Project for a Nuclear-Free World

und die folgenden Organisationen haben mit aufgerufen:

日本原水爆被害者団体協議会 (Nihon Hidankyo)
原水爆禁止日本国民会議 (GENSUIKIN)
原水爆禁止日本協議会 (Gensuikyo)

Der Aufruf lautet:


Im Jahr 2025 begehen Hiroshima und Nagasaki den 80. Jahrestag der Atombombenabwürfe durch die Vereinigten Staaten. Das Atomzeitalter begann, als die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen und die Menschheit die Macht erlangte, die Menschheit von der Erde zu tilgen. Die Atombombenabwürfe töteten augenblicklich unzählige unschuldige Menschen und brachten Hiroshima und Nagasaki unvorstellbares menschliches Leid. Diejenigen, die die Schrecken dieser Hölle überlebt haben, leiden noch immer unter den Folgen der Strahlung. Die Wiedergutmachung für die Opfer des wahllosen Völkermords infolge staatlich provozierter Kriege steht noch aus.

Seit mehr als 80 Jahren bagatellisieren oder verschleiern die Atomindustrie und Länder, die die Nutzung des Kernbrennstoffkreislaufs gefördert haben, die gesundheitlichen Auswirkungen von Strahlung und haben weltweit Opfer der Atomkraft geschaffen, unabhängig davon, ob diese für militärische Zwecke oder „friedliche” Zwecke genutzt wird. Ein Großteil der nuklearen Auswirkungen wurde indigenen und kolonialisierten Völkern zugefügt. Selbst nach den verheerenden Nuklearkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima versuchen diese Länder und die Atomindustrie, ihre negativen Auswirkungen weiter auszubauen, indem sie die Kernenergie als Lösung für das Klimaproblem anpreisen.

Wir möchten in Hiroshima einen Ort der internationalen Solidarität für Atomopfer und ihre Verbündeten schaffen, mit dem Ziel, den Atomkreislauf zu beenden und eine Welt zu schaffen, in der es keine Hibakusha (Atomopfer) mehr gibt.

Lasst uns unsere Botschaften aus Hiroshima in die Welt tragen!
Atomkraft und Menschlichkeit können nicht koexistieren!
Etablierung von Menschenrechten und Unterstützung für Atomopfer!
Lasst uns in Hiroshima mit Atomopfern aus aller Welt zusammenkommen und Solidaritätsbande knüpfen!

Verfasser Drafting members (in alphabetischer Reihenfolge)

  • Naoto Anzai, Executive Director of the World Hibakusha Exhibition
  • Yasuyuki Fujimoto, Executive Director of the World Nuclear Victims Forum, Executive Director of the Hiroshima Alliance for Nuclear Weapons Abolition
  • Katsumi Furitsu, Co-chair of Chernobyl Hibakusha Support Kansai, Physician
  • Mari Inoue, Co-chair of the World Nuclear Victims Forum, Co-founder of the Manhattan Project for a Nuclear-Free World, Attorney (Licensed in New York State)
  • Yuichi Kaido, Attorney (Japan), Co-chair of Japanese Lawyers’ Groups Network For Abolishing Nuclear Power
  • Yukiyo Kawano, Assistant Director of the World Nuclear Victims Forum, Steering Committee Member of the Hiroshima Alliance for Nuclear Weapons Abolition
  • Akiko Morimatsu, Thanks & Dream: Association of the Fukushima Nuclear Disaster Evacuees, Chief Plaintiff of the Kansai Lawsuit for Nuclear Power Plant Compensation • Haruko Moritaki, Co-chair of the World Nuclear Victims Forum, Co-chair of the Hiroshima Alliance for Nuclear Weapons Abolition
  • Hiroshi Shimizu, Hiroshima Chapter of Citizens’ Association for the Relief of A-bomb Victims in South Korea
  • Kazuo Yabui, Hiroshima-city-based journalist, Peace Studies Association of Japan

Um diese Erklärung auch im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen, habe ich diese ins Deutsch übersetzt:

Erklärung über die Rechte der Atomopfer der Welt 2025

  1. Ziel der Erklärung
  2. Die Erklärung der Rechte der Atomopfer der Welt 2025 ist eine Menschenrechtserklärung, die darauf abzielt, die Rechte und Entschädigungen von Opfern von Atomkatastrophen festzuschreiben.
  3. Die Erklärung fordert die Rechenschaftspflicht für Akteure im Nuklearbereich, legt Rechte und Entschädigungen für Atomopfer fest und enthält Leitlinien für die Bewegung zur Beseitigung von Nuklearschäden.
  4. Um Rechte und Entschädigungen für Atomopfer zu etablieren, enthält die Erklärung konkrete Vorschläge zu verschiedenen Aspekten und wird sich dafür einsetzen, dass diese bei der internationalen Gemeinschaft, Regierungen und Parlamenten aufgegriffen werden.
  5. Die Erklärung wird in Zusammenarbeit mit Atomopfern und ihren Verbündeten ausgearbeitet und bestätigt, um die Stimmen der Atomopfer in verschiedenen von Atomwaffen, Atomkraftwerken, Uranaktivitäten, radioaktiven Abfällen und der gesamten Kernbrennstoffkette sowie der damit verbundenen Unterdrückung betroffenen Gemeinden widerzuspiegeln.

2. Definition von Atomopfern

Atomopfer sind:

Alle Opfer von Strahlenbelastung und radioaktiver Kontamination, einschließlich der Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki; Opfer von Atomtests; Opfer von Menschenversuchen mit nuklearen Materialien; ohne zu unterscheiden zwischen Opfern militärischer und ziviler Nutzung der Kernenergie, denjenigen, die von Uranabbau, -aufbereitung und -anreicherung betroffen sind, und denjenigen, die unter radioaktiver Kontamination durch nukleare Arbeiten und Umweltverschmutzung durch Aktivitäten im Zusammenhang mit Kernwaffen sowie durch den gesamten Prozess der Kernenergie und Kernbrennstoffe wie Kernentwicklung, -nutzung und -abfälle leiden; Opfer von Katastrophen in Kernkraftwerken; und Opfer von Waffen mit abgereichertem Uran, die aus radioaktiven Abfällen hergestellt werden.

3. Grundrechte

Solange wir das Atomzeitalter nicht beenden, kann jeder Mensch überall jederzeit zum Atomopfer (Hibakusha) werden, und wir bekräftigen, dass „Kernenergie und Menschheit nicht koexistieren können“.

Jeder Mensch hat das Recht, die folgenden Rechte einzufordern, um anhaltende und zukünftige nukleare Schäden zu verhindern:

  1. Nicht ionisierender Strahlung ausgesetzt zu sein, außer derjenigen, die in der Natur vorkommt oder zu medizinischen Zwecken nach informierter Zustimmung eingesetzt wird.
  2. Verbot von Zwangsarbeit, bei der eine potenzielle Exposition gegenüber ionisierender Strahlung besteht, und wenn Arbeit, bei der eine solche potenzielle Exposition nicht vermieden werden kann, muss diese Exposition auf ein Minimum reduziert werden.
  3. Minimierung der medizinischen Exposition gegenüber ionisierender Strahlung.
  4. Es sollten genaue Informationen über die Gefahren der ionisierenden Strahlung durch Schul- und Gemeinbildung bereitgestellt werden, anstatt absichtlich gefälschte Informationen zu verbreiten. Diese Informationen umfassen Folgendes: Die Tatsache, dass keine Strahlenexposition ohne Gesundheitsrisiko ist und dass Kinder und Föten im Vergleich zu Erwachsenen besonders empfindlich auf Strahlenexposition reagieren. Darüber hinaus sollten im Hinblick auf die reproduktive Gesundheit die Auswirkungen der Strahlenexposition auf Mütter, die derzeit oder in Zukunft eine wichtige Rolle bei Schwangerschaft, Geburt und Neugeborenenversorgung spielen, besonders berücksichtigt werden. Daher sind die derzeit von der Atomindustrie angewandten Standards für die gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenexposition auf den menschlichen Körper, die ausschließlich auf dem „Modell des erwachsenen Mannes“ basieren, insofern eindeutig ungenau, als sie die gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder und Frauen nicht berücksichtigen.
  5. Nicht nur im Falle eines Unfalls, sondern auch unter normalen Umständen muss die Umweltverträglichkeitsprüfung von Kernanlagen zusammen mit Informationen über Strahlenschutzmaßnahmen und Behandlungsmethoden transparent offengelegt werden.
  6. An den Entscheidungsprozessen zu relevanten politischen Maßnahmen teilzunehmen:

Die Beteiligung von Interessengruppen und Rechteinhabern an den Entscheidungsprozessen sollte im Falle der Umsetzung einschlägiger nationaler Pläne und Strategien zugänglich, inklusiv, diskriminierungsfrei und transparent sein.

Eine informierte Zustimmung (informierte Vereinbarung mit Interessengruppen und Rechteinhabern) muss den Interessengruppen das notwendige Wissen und die erforderlichen Instrumente an die Hand geben, um die Art und das Ausmaß der mit den einschlägigen nationalen und lokalen Maßnahmen verbundenen Risiken sowie die Möglichkeiten zur Benachrichtigung und öffentlichen Stellungnahme zu verstehen.

Vereinbarungen über politische Entscheidungen erfordern Überwachung und Fürsprache, um die Politik und die Praxis der nuklearen Gerechtigkeit sicherzustellen, und dass eine solche Zustimmung nicht erzwungen werden darf.

Nukleare Gerechtigkeit umfasst die Offenlegung von Informationen über nukleare Schäden, die Anerkennung als Atomopfer, die Entschuldigung durch die nuklearen Akteure, die Verfolgung der Verantwortlichkeit der Täter, die Unterstützung der Opfer und die Entschädigung der Atomopfer, die Wiederherstellung der Umwelt in kontaminierten Gebieten, die Verhinderung von Wiederholungen und die Abschaffung von Atomwaffen.

7. Die Legitimität der Lebenserfahrungen und Aussagen von Personen und Gemeinschaften, die von den Auswirkungen der Atomkraft betroffen sind, anerkennen und ihre Erkenntnisse zusätzlich zu den Richtlinien zur Strahlenbelastung und Opferhilfe in die öffentliche Literatur einfließen lassen.

    8. Relevante Strategien auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips und einer humanitären Perspektive zu formulieren.

9. Die Nutzung von Kernenergie abzulehnen, ohne zwischen militärischer und ziviler Nutzung zu unterscheiden. Die Erzeugung weiterer hochradioaktiver Abfälle abzulehnen. Den Bau, den Betrieb oder die Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken abzulehnen.

  10. Verhinderung weiterer nuklearen Schäden für künftige Generationen.

4. Die Gesundheit und den Lebensunterhalt der Opfer von Atomunfällen gewährleisten

a. Das Recht auf medizinische Versorgung

Unabhängig davon, ob die Opfer derzeit gesundheitliche Probleme haben oder nicht, haben sie, wenn eine Strahlenexposition vorliegt (unabhängig von der Strahlendosis) und die Möglichkeit gesundheitlicher Risiken durch die Strahlenexposition besteht, das Recht, ihre Gesundheit zu schützen und als Opfer einer nuklearen Katastrophe medizinische Versorgung zu erhalten.

Dies ist ein Standard, der auf Seite 151 des Urteils des Obersten Gerichtshofs von Hiroshima vom 14. Juli 2021 zur „Schwarzer-Regen“-Klage als Auslegung von Artikel 1, Absatz 3 des Hibakusha-Hilfegesetzes (das die Opfer des sogenannten schwarzen Regens als Überlebende der Atombombe anerkannte), in dem entschieden wurde, dass „es ausreichend ist, nachzuweisen, dass die Exposition unter einer bestimmten Form der Exposition erfolgte und dass die Art der Exposition nicht ausgeschlossen werden konnte, dass die Strahlung der Atombombe Gesundheitsrisiken verursacht hat”.

Es soll sichergestellt werden, dass die Opfer umfassend informiert sind und ihre Einwilligung freiwillig geben können, bevor sie medizinisch versorgt werden.

Wenn die Forschungsstudie während der Behandlung durchgeführt wird, müssen der Ethikkodex und die Forschungsstandards eingehalten werden, um die Personen zu schützen, die an einer solchen Studie teilnehmen.

b. Recht auf Opferhilfe

c. Recht auf Leben und Gesundheit

d. Das Recht auf Teilnahme an den relevanten politischen Entscheidungsprozessen sicherstellen.

e. Das Recht auf Zugang zu wirksamen Gerichtsverfahren oder anderer angemessener Unterstützung auf nationaler und internationaler Ebene im Falle von Verletzungen der Rechte von Opfern nuklearer Unfälle.

5. Rechte indigener Völker

a. Um den Kampf gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Kolonialismus gegenüber indigenen Völkern zu unterstützen und ausgehend von der Perspektive, dass das Recht auf Leben und das Recht auf Selbstbestimmung unveräußerlich sind, legt die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker Mindeststandards für die Formulierung der Rechte indigener Völker fest, die radioaktiv belastet sind.

6. Rechte von Beschäftigten in der Atomindustrie

a. Recht auf Arbeitsunfallversicherung, Strahlenschutz und Gesundheitsmanagement sowie Informationen über die mit der Strahlenexposition verbundenen Risiken.

Dazu gehören das Recht auf Entschädigung für bereits entstandene Schäden, die Verwaltung der täglichen Strahlenexposition und Strahlenschutzmaßnahmen sowie das Gesundheitsmanagement zur Minimierung der Expositionsdosis, Aufklärung und Schulung zum Strahlenschutz und zum Risiko der Strahlenexposition.

b. Recht auf Messung und Überwachung der Strahlendosis während der Beschäftigung und auf regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen.

Die Umstände sollen insbesondere beachtet werden, unter denen Arbeitnehmer in der Kernenergie regelmäßig beschäftigt sind, während ihre Strahlendosen gemessen und kontrolliert werden. Arbeitnehmer in der Kernenergie sollten relevante Informationen über die täglichen Strahlendosen sowie Kenntnisse über die Folgen und gesundheitlichen Auswirkungen der Strahlenexposition erhalten. Um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu untersuchen, sollen die Arbeitnehmer Zugang zu routinemäßigen Gesundheitsuntersuchungen haben.

c. Recht auf Strahlenschutz und langfristige Gesundheitsvorsorge. Die Notwendigkeit eines Gesundheitsmanagements soll beachtet werden bei der Stilllegung, der Entsorgung nuklearer Abfälle und anderen entsorgungsbezogenen Aktivitäten wie „Dekontamination” und Transport, sowie die Tatsache, dass die Auswirkungen der Strahlenexposition auf die Arbeitnehmer langfristig sein können. Arbeitnehmer in der Nuklearindustrie haben das Recht auf Gesundheitsmanagement, und der Zugang zu medizinischer Versorgung sollte auch nach Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses lebenslang bestehen bleiben. Sie haben das Recht, über eine von einer Behörde ausgestellte Bescheinigung zu verfügen, die diese Rechte bestätigt.

d. Recht auf Information über Risiken im Zusammenhang mit Tätigkeiten, die mit einer gefährlichen Strahlenexposition verbunden sind, und Recht auf Verweigerung bestimmter nuklearer Tätigkeiten.

Nukleararbeiter haben das Recht, im Voraus ausreichend über die Risiken einer Arbeit mit gefährlicher Strahlenbelastung informiert zu werden. Risiken wie Sterblichkeits- und Invaliditätsraten müssen im Voraus offengelegt werden, wenn Arbeitnehmer die „zulässigen“ Strahlendosen erhalten. Die Entscheidung, ob solche Aufgaben übernommen werden sollen, muss von den Arbeitnehmern von Fall zu Fall frei getroffen werden können.

e. Das Recht, riskante Arbeiten, bei denen man Strahlung ausgesetzt ist, abzulehnen, und das Recht, keiner Diskriminierung ausgesetzt zu sein.

Im Falle einer Weigerung, in einer strahlenexponierten Umgebung zu arbeiten, oder beim Erreichen der Strahlendosisgrenze ist auf Antrag der betroffenen Person eine Arbeit an einem alternativen Arbeitsplatz zu gewährleisten. Selbst wenn ein Arbeitnehmer die Arbeit verweigert, darf ihm daraus kein Nachteil im Rahmen seines Arbeitsvertrags entstehen. Unabhängig von ihrem Beschäftigungsstatus, ob sie Militärangehörige oder Zivilisten, Hauptauftragnehmer oder Subunternehmer sind, haben sie das Recht, nicht diskriminiert zu werden. Bei der Arbeit in Kernkraftwerken ist eine Struktur, die eine Strahlenbelastung mit sich bringt, wie beispielsweise eine mehrschichtige Unterauftragsstruktur, nicht zulässig und muss abgeschafft werden. Bis zur Abschaffung einer solchen Struktur muss der Hauptauftragnehmer sich aufrichtig darum bemühen, die Rechte der Arbeitnehmer am unteren Ende der Hierarchie zu entschädigen.

f. Das Recht auf Teilnahme an Entscheidungsprozessen zu relevanten politischen Maßnahmen sicherstellen.

g. Stellen Sie sicher, dass Arbeitnehmer keine Strafen wie Repressionen, Diskriminierung, Entlassung oder Vergeltungsmaßnahmen für die Geltendmachung ihrer Rechte zu befürchten haben.

h. Betreiber von Kernanlagen sind verpflichtet, relevante Daten im Falle von Unfällen, bei denen Radioaktivität freigesetzt wird, genau zu erfassen und zu speichern.

i.  Betreiber von Kernanlagen sind verpflichtet, die für die Aufzeichnung und Verwaltung von Strahlenexpositionsdaten verantwortliche Person eindeutig zu benennen und diese Daten auf Verlangen von Strahlenopfern, die Strahlung ausgesetzt waren, jederzeit offenzulegen.

j.  Ein Unternehmer, der einen Arbeitnehmer unter Verstoß gegen die vorstehende Bestimmung beschäftigt hat, kann sich nicht von der Haftung für zivilrechtliche Schäden oder verwaltungs- und strafrechtliche Sanktionen befreien.

7. Rechte der Anwohner (Strahlenbelastung der Bevölkerung. Dazu gehören Anwohner in der Nähe von Uran- und Nuklearanlagen, Menschen, die in Windrichtung von Atomtests leben, Menschen, die in Windrichtung von Atomkraftwerken oder Nuklearanlagen leben, sowie Menschen, die in der Nähe von Atomkraftwerken oder Nuklearanlagen in Fällen schwerer Katastrophen leben usw.)

Alle Menschen, die ionisierender Strahlung ausgesetzt sind, haben folgende Rechte:

a. Unabhängig von der Strahlendosis sollte eine Person, die ohne ihre Zustimmung einer zusätzlichen Strahlenbelastung ausgesetzt war, mit Ausnahme der unten beschriebenen medizinischen Strahlenbelastung, als Atomopfer (Hibakusha) anerkannt werden. In vielen Fällen ist es schwierig, die genaue Strahlendosis einer Person zu schätzen. Wenn jedoch Indizien dafür vorliegen, dass sich die Person in einem von der Atomkatastrophe betroffenen Gebiet aufgehalten hat, ein solches Gebiet betreten hat oder radioaktivem Fallout ausgesetzt war, sollte sie als Atomopfer anerkannt werden.

b. Atomopfer (Hibakusha) haben ein Recht auf Informationen über die Strahlendosis, der sie ausgesetzt waren.

c. Atomopfer (Hibakusha) haben ein Recht auf genaue Informationen und Kenntnisse über die Auswirkungen ihrer Strahlenexposition auf ihre körperliche, genetische und psychische Gesundheit.

d. Recht auf Offenlegung relevanter Informationen. Da Informationen zur Strahlensicherheit das Leben und die Gesundheit der Menschen und künftiger Generationen betreffen und sich auf die Ausübung des Rechts auf Leben auswirken, dürfen die Interessen des Staates, des Militärs und der Atomindustrie nicht Vorrang haben, und jeder sollte das Recht haben, die Offenlegung von Informationen zu verlangen.

e. Recht auf Information über Risiken. Die Risiken für Mortalität und Invalidität, die bei einer zulässigen Strahlenexposition der Bevölkerung bestehen, müssen im Voraus offengelegt werden.

f.  Recht auf Beratung durch unabhängige Wissenschaftler und Experten, die über Kenntnisse und Erfahrungen bei der Bewertung der Auswirkungen von Strahlenbelastung auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt verfügen.

g. Recht auf Maßnahmen zur Risikominderung und zum Strahlenschutz, um die zukünftige Strahlenexposition zu minimieren.

h. Recht auf regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen und die beste medizinische Versorgung ohne Kosten für alle Krankheiten, die durch Strahlenbelastung verursacht werden können. Die Krankheiten sind nicht auf bösartige Erkrankungen wie Krebs und Leukämie beschränkt, sondern umfassen auch nicht-krebsartige Erkrankungen.

i.  Atomopfer (Hibakusha) haben das Recht auf die bestmögliche Vorsorge, um Krankheiten zu überwinden, die durch ihre Strahlenexposition verursacht worden sein könnten.

j.  Die Täter tragen die Beweislast dafür, dass kein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Strahlenexposition besteht. Die Täter sollten eine Entschädigung zahlen, wenn sie nicht nachweisen können, dass die Erkrankungen der Opfer nicht mit der Strahlenexposition in Zusammenhang stehen.

k.  Auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips ist anzuerkennen, dass jede Exposition gegenüber niedrigen Dosen das Risiko einer spät auftretenden Schädigung entsprechend der Dosis mit sich bringt, und es ist ein Rechtsgrundsatz zu schaffen, wonach ein Kausalzusammenhang zwischen der Strahlenexposition und den gesundheitlichen Auswirkungen auf die Opfer vermutet wird.

l. Bei spät auftretenden oder genetischen Störungen aufgrund von Strahlenbelastung hat der Zeitablauf keinen Einfluss auf das Recht, Entschädigung zu verlangen. Die Täter dürfen sich nicht auf die Verjährungsfrist berufen.

m. Im Falle von nuklearen Unfällen in kerntechnischen Anlagen (einschließlich Kernreaktorstandorten und uranbezogenen Anlagen), bei denen große Mengen an Radioaktivität in die Umwelt freigesetzt werden, müssen die Staaten Folgendes anerkennen:

  • Recht auf vorbeugende und schützende Maßnahmen zum Schutz vor toxischer Kontamination, einschließlich ionisierender Strahlung, Recht auf Evakuierung für Evakuierte und Geflohene, Unterstützung zum Ausgleich von Verlusten aufgrund von Umweltverschmutzung, Unterstützung beim Wiederaufbau der Lebensgrundlagen und Recht auf Entschädigung für Schäden oder den Zusammenbruch ganzer Gemeinschaften, Lebensgrundlagen und Kultur.
  • Die Familie ist die natürliche und grundlegende Einheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf den Schutz durch die Gesellschaft und den Staat. Besondere Rücksichtnahme ist Kindern, ungeborenen Babys und Schwangeren geboten. Kein Akteur darf einen Angehörigen daran hindern, nach vollständiger Aufklärung das Risiko einer Strahlenexposition frei einzugehen, um Angehörige zu retten.
  • Recht auf Behandlung und Maßnahmen zur Erholung nach Strahlenbelastung für Bewohner kontaminierter Gebiete und diejenigen, die sich dafür entscheiden, in kontaminierte Gebiete zurückzukehren. Dazu gehört die Garantie der Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Gesundheits- und medizinischer Versorgung, Wohnraum, Bildung und Informationen sowie Möglichkeiten zur Erholung.

n. Die Entschädigungsgesetze der betroffenen Bundesstaaten stärken, um den Bedürfnissen und Interessen der Mitglieder der betroffenen Gemeinschaften gerecht zu werden.

o. Das Recht auf Evakuierung und Umsiedlung aus strahlenverseuchten Gebieten und das Recht, sich aus Sicherheits- und Würdegründen für eine Rückkehr oder eine Ansiedlung an einem anderen Ort zu entscheiden.

p. Die Rechte gemäß der Charta der Vereinten Nationen und den wichtigsten internationalen Instrumenten sowie den damit verbundenen regionalen, nationalen oder lokalen Instrumenten sollten gewährleistet sein, wenn Personen oder Völker, einschließlich staatenloser oder geflüchteter Völker, durch nukleare Schäden vertrieben werden.

  • In Bezug auf Binnenvertriebene, die aus strahlenbelasteten Gebieten evakuiert wurden, sollte ein Recht auf gleiche Unterstützung und Entschädigung bestehen, unabhängig davon, ob sie vom Staat zur Evakuierung aufgefordert wurden oder freiwillig evakuiert sind. Es wird empfohlen, dies in nationalen Gesetzen, lokalen Verordnungen und Verwaltungsvorschriften umzusetzen.
  • Vertriebenen Personen sollte das Recht garantiert werden, an Entscheidungsprozessen zu Plänen teilzunehmen, die auf einschlägigen Richtlinien in Bezug auf Rückkehr, Umsiedlung in ein anderes Land und Wiedereingliederung in Familie und Gemeinschaft basieren.

8. Exposition gegenüber ionisierender Strahlung in der Medizin

  1. Alle Menschen haben das Recht, eine Minimierung der medizinischen Exposition gegenüber ionisierender Strahlung zu fordern. Patienten haben das Recht, nach einer umfassenden Aufklärung über die Gesundheitsrisiken der Strahlenexposition und die Vorteile für Patienten beim Schutz ihres Lebens und ihrer Gesundheit ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. (Einverständniserklärung)
  2. Es ist notwendig, medizinische Einrichtungen sowie medizinisches und gesundheitliches Fachpersonal kontinuierlich weiterzubilden (umzuschulen) und ihnen unabhängige und aktuelle Forschungsergebnisse und Informationen zu den Gesundheitsrisiken der Strahlenexposition, einschließlich der Risiken im Zusammenhang mit der Exposition gegenüber niedrigen Strahlendosen, zur Verfügung zu stellen, um Schäden durch die Exposition von Patienten sowie von medizinischem und gesundheitlichem Fachpersonal zu verhindern.
  3. Die wirtschaftlichen Interessen der Gesundheitsbranche und privater medizinischer Einrichtungen dürfen nicht priorisiert werden.

Abschluss der Sammelklage der Region Kansai auf Entschädigung für Opfer des Atomunfalls von Fukushima

Einführung

©Takezo Takahashi

Bis heute wurden landesweit etwa 30 Sammelklagen gegen den japanischen Staat und TEPCO1 eingereicht, an denen mehr als 10.000 Menschen beteiligt waren. In drei Berufungsurteilen wurde die Haftung des Staates und von TEPCO anerkannt. Dabei handelt es sich um den Prozess „Gebt uns unsere Lebensgrundlage zurück, gebt uns unsere Region zurück” aus dem Jahr 2020, die Klage in Chiba und die Klage in Ehime aus dem Jahr 2021.

Seit der Oberste Gerichtshof jedoch im Juni 2022 ein Urteil gefällt hat, in dem er die Haftung des Staates in vier Sammelklagen (die drei oben genannten sowie die Gumma-Klage2) abgelehnt hat, haben untergeordnete Gerichte in aufeinanderfolgenden Urteilen die Haftung des Staates abgelehnt.

Die Sammelklage der Region Kansai3, die als „Schlusslicht“ unter den Sammelklagen von Geflohenen aus Fukushima gilt, ist nach einer langen Laufzeit von mehr als 12 Jahren seit Einreichung der Klage (erste Phase) am 17. September 2013 zu Ende gegangen. Während dieses Zeitraums wurden alle 79 klagenden Haushalte befragt. Während in anderen Verfahren oft nur einige der Kläger befragt wurden, folgte das Bezirksgericht Osaka einem besonders gründlichen Verfahren, was eher ungewöhnlich ist.

Die Vernehmung der Kläger fand von Mai 2011 bis September 2025 in monatlichen Abständen statt. Während der Vorsitzende Richter während des Verfahrens häufig wechselt, gab es im Fall des Prozesses der Region Kansai keinen Wechsel, und derselbe Vorsitzende Richter führte alle Vernehmungsverfahren durch.

Der Prozess wurde am 24. Dezember abgeschlossen, und die Urteilsverkündung ist für den 2. September 2026 vorgesehen.

Wir veröffentlichen hier das Schlussplädoyer von Akiko Morimatsu, der Vertreterin der Klägergruppe. Frau Morimatsu ist ebenfalls Vertreterin der Vereinigung der Gruppen, die gegen TEPCO und den japanischen Staat klagen.

__________________________

1 Tokyo Electric Power Company, Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi

2 Im Gegensatz zu den drei Berufungen wurde die Berufung von Gumma vor dem Berufungsgericht Tokio im Jahr 2021 nicht anerkannt.

3 Die Region Kansai umfasst sechs Präfekturen, darunter Osaka und Kyoto.

————————————-

Schlussplädoyer von Frau Morimatsu vor Gericht am 24.12.2025

Ich heiße Akiko MORIMATSU, Klägerin Nummer 1-1.

Ich bedanke mich für die Gelegenheit, hier im Gericht in der letzten mündlichen Verhandlung mein Schlussplädoyer persönlich vortragen zu dürfen.

1. Trennung der Familie und Verlust des friedlichen Lebens

Ich zog aus der Stadt Kôriyama in der Präfektur Fukushima in die Stadt Ôsaka mit zwei Kindern, mit denen ich heute noch als Alleinstehende das Leben der Selbst-Evakuierten führe. Mein Mann ist nämlich in Fukushima geblieben, und seit 14 Jahren und 9 Monaten ist unsere Familie voneinander getrennt.

    Meine Kinder, die zum Zeitpunkt des Atomunfalls jeweils 3 und 0 Jahre alt waren, sind inzwischen 17 und 15 Jahre alt.

    Der ältere Sohn ist in der 3. Klasse der Höheren Schule und die jüngere Tochter in der 3. Klasse der Mittleren Schule, beide also in einer sehr sensiblen Phase des Lebens. Obwohl ihr Vater bei guter Gesundheit ist, kann er nicht da sein, um ihnen Ratschläge zu geben und ihre Fragen zum Leben zu beantworten. Seit 14 Jahren konnte er nicht hautnah erleben, wie seine Kinder heranwachsen, wir konnten als Eltern ebenfalls nicht Freude und Kummer im Alltag mit den Kindern teilen.

    Unsere Kinder waren des friedlichen Familienlebens beraubt, das bedeutet: entspannt mit allen Familienmitgliedern zusammen den Alltag teilen, füreinander da sein. Dies ist ein offensichtlicher Schaden, der durch den Atomunfall verursacht wurde.

    2. Aufrichtiger Wunsch, Strahlenbelastung zu vermeiden

    Trotz allem setze ich mein Dasein als Geflüchtete mit den Kindern fort. Denn als Folge des Nuklearunfalls von Fukushima Daiichi wurden viele radioaktive Substanzen ab dem 11. März 2011 großflächig freigesetzt, nicht nur in der Stadt Kôriyama in der Präfektur Fukushima, wo ich war. Weil die radioaktive Kontamination noch immer existiert, bleiben wir im Exil. Wenn ich Strahlenexposition vermeiden will, der wir eigentlich nie hätten ausgesetzt werden sollen, muss ich fernbleiben.    

    In unserem Wohngebiet hatte es keine Evakuierungsanordnung gegeben. Ich musste deshalb aus eigener Initiative und auf eigene Faust mit den Kindern fliehen und fortbleiben. Laut der Angabe der Wiederaufbaubehörde gibt es heute noch 26.597 Evakuierte, inklusive Selbst-Evakuierte, die aus der Region außerhalb der Sperrzone stammen. Obwohl die Zahl so hoch ist, hat der Staat seit 14 Jahren praktisch nichts unternommen, um ein System zu etablieren oder Maßnahmen zu ergreifen, um die Evakuierten zu unterstützen.

    Vor allem wir, die wir ohne Evakuierungsanordnung auf Eigeninitiative hin und ohne fremde Hilfe geflohen sind, befanden uns ständig in einer schwierigen Lage. Obwohl es eindeutig war, dass wir wegen der radioaktiven Kontamination durch den Atomunfall so handeln mussten, was sich schließlich als Folge der nationalen Politik ereignet hatte, versuchte der Staat nicht einmal die präzise Zahl der Evakuierten, vor allem von Mutter-Kind-Haushalten, statistisch zu erfassen, unternahm nichts, und setzt uns sogar weiterhin Diffamierungen und Demütigungen aus.

    3. Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes aufgrund des Zwangs zur Strahlenexposition

    Ich war nicht in einem panischen Zustand, als ich mich entschied, mit Kindern zu fliehen.

    Ich hatte damals entschieden auf der Grundlage der am 11. März 2011 geltenden Richtlinien und Vorschriften aus der Gegend zu fliehen. Und hiermit erkläre ich, dass ich beabsichtige, die Evakuierung unter Berücksichtigung der objektiven Fakten bezüglich der Kontamination fortzusetzen.

    Der Grenzwert der Strahlenexposition für die normale Bevölkerung beträgt 1 Millisievert pro Jahr. Aber die Behörden haben nach dem 11. März 2011 diesen Grenzwert für die betroffene Region auf 20 Millisievert pro Jahr erhöht und behaupten, es bedeute keine Gefahr für uns. Warum sollte Fukushima der einzige Ort sein, an dem die Einwohner hohe Strahlendosen hinnehmen müssen, während für den Rest Japans weiterhin der Grenzwert von einem Millisievert gilt? Das ist eindeutig eine Diskriminierung.

    Außerdem gibt es noch ein generell verbreitetes Missverständnis gegenüber den sogenannten „Selbst-Evakuierten“.

    Sehr oft wird angenommen, als hätten wir eine freie Wahl zwischen Fliehen und nicht Fliehen gehabt. Es wird davon ausgegangen, dass unsere Entscheidung, die Region zu verlassen, aus freiem Willen und auf eigene Verantwortung getroffen wurde und dass wir daher keinen Nachteil erlitten hätten, da wir auf eigene Initiative gehandelt hätten.

    Aber das ist ein Irrtum. Wir hatten keine Wahl zwischen Evakuierung oder Nicht-Evakuierung, sondern mussten uns zwischen zwei schmerzhaften, unerwünschten Optionen entscheiden: „weiterhin der Strahlung ausgesetzt sein“ oder „selbst evakuieren, wenn wir nicht exponiert sein wollen“.  Dies war eine plötzliche, dringende Entscheidung, die unser bisher friedliches Leben durcheinanderbrachte.

    Ich habe nicht die Absicht, mich mit dem Schaden abzufinden, den die Täter selbst verursacht haben; sie hatten uns nicht nur keinen Hinweis darauf gegeben, sondern auch einseitig über die „zulässigen Expositionswerte“ entschieden, die „zu tolerieren“ sind.

    4. „Infoblätter“ erzählen uns nicht die Wahrheit

    Während der Befragung verweisen die Anwälte der beklagten Tokyo Electric Power Company auf die „Informationsbroschüre“ von der Gemeinde hin, die wir verlassen hatten, und wiederholten Argumente wie „Haben Sie die Informationsbroschüre nicht gelesen?”oder „Darin steht, dass es sicher ist“, als würden sie sich wundern, dass wir der Broschüre nicht vertrauten.

    Ich möchte hier den Richtern eine Frage stellen:

    Glauben Sie, dass die radioaktive Kontamination verschwindet, wenn man in „Informationsbroschüren über „Feste“ und „Einschulungsfeiern“ berichtet? In den Zonen ohne Evakuierungsanordnung gibt es Menschen, die aus verschiedenen Gründen entschieden haben, dort zu bleiben. Und wenn Menschen leben, werden Kirschblütenfeste gefeiert und Feuerwerke während des Sommerfestes gezündet.

    Mit den Slogans wie „Ganbarô Tôhoku“ (Halte durch, Tôhoku!) und enormen Budgets, die für den Wiederaufbau bereitgestellt werden, ist es möglich, Großveranstaltungen zu finanzieren und eine festliche Atmosphäre zu schaffen, als wäre der Wiederaufbau bereits ein großer Erfolg.

    Die „Öffentlichkeitsarbeit“ besteht darin, dass der Staat und die Verwaltungen die Bevölkerung (Bürger) mit Hilfe von Steuergeldern über das informieren, was sie wissen sollen.

    Ich bin aber auch mit Begriffen wie „Propaganda“ vertraut, oder mit dem, was Japaner unter dem Ausdruck „Meldungen des Kaiserlichen Hauptquartiers“ verstehen (nach der Praxis der Propagandameldungen seitens des Kaiserlichen Hauptquartiers Japans während des zweiten Weltkrieges) – also ist es mir bewusst, was für eine Rolle die offiziellen Meldungen in der Geschichte gespielt haben.

    Die „öffentlichen Broschüren“, in denen der Staat und die Behörden nur das mitteilen, was sie der Bevölkerung wissen lassen wollen, haben uns keine der Wahrheiten geliefert, die wir als Evakuierte wissen wollten.

    Darüber hinaus wurde in der Stadt Kôriyama, aus der ich floh, erst 2018 ein Sportfest der Schule im Freien ohne Zeitbegrenzung veranstaltet, also 7 Jahre nach dem Atomunfall.

    Zum Zeitpunkt der Evakuierung wurde geschätzt, dass Schilddrüsenkrebs bei Kindern nur ein oder zwei von einer Million Menschen betraf. Den Ergebnissen der Gesundheitsuntersuchungen unter Einwohnern der Präfektur Fukushima zufolge, in der zu diesem Zeitpunkt nur 370.000 Kinder unter 18 Jahren lebten, wurden jedoch bis heute fast 400 Fälle registriert, was eindeutig einen deutlichen Anstieg darstellt.

    Obwohl der radioaktive Fallout keinen Halt an der Präfektur-Grenze machte, werden regelmäßige und großangelegte Gesundheitsuntersuchungen nur in der Präfektur Fukushima mit öffentlichen Geldern durchgeführt. Es sei daran erinnert, dass diejenigen, die zum Zeitpunkt des Unfalls zwischen 6 und 16 Jahre alt waren und bei denen Schilddrüsenkrebs durch die Gesundheitsuntersuchung entdeckt worden waren, eine Sammelklage gegen die Tokyo Electric Power Company eingereicht haben, in der sie geltend machten, dass ihr Schilddrüsenkrebs durch den Atomunfall von Fukushima verursacht worden sei.

    Die Aussagen der jugendlichen Kläger zeigen, dass sie ohne jeglichen Schutz der Strahlung ausgesetzt waren, obwohl Kinder besonders anfällig für Strahlung sind. Heute bedauern sie, dass sie nicht geschützt wurden. Sie sagen, dass sie „nichts wussten und ohne jeglichen Schutz dem Regen und Wind ausgesetzt waren“ und dass „ihre Eltern ihnen gesagt hatten, sie sollten nicht nach draußen gehen, aber sie gingen trotzdem hinaus, um mit ihren Freunden zu spielen“.

    5. Fragen an die Richter

    Euer Ehren, ich bitte Sie, sich die Situation als Menschen vorzustellen und sich in die Lage der Betroffenen in ihrem täglichen Leben zu versetzen.

    Möchten Sie Ihre Kinder wirklich an einem Ort großziehen, an dem es unmöglich ist, Sportfeste im Freien abzuhalten?

    Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Aber auch Sie waren einmal Kinder. Erinnern Sie sich daran, dass Ihnen Zeitlimits für das Spielen im Freien auferlegt wurden, auch an Schulsporttagen?

    Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie belastend es ist, jeden Tag in Angst zu leben und sich zu fragen, ob das, was Sie anfassen oder essen, gesundheitsschädlich ist, ob eine Strahlenbelastung besteht?


    Wenn Ihnen außerdem gesagt würde, dass in dem Leitungswasser, das Sie täglich trinken, radioaktive Substanzen nachgewiesen wurden, könnten Sie es dann weiterhin trinken? Versetzen Sie sich in die Lage, stellen Sie sich die Gesichter Ihrer Eltern vor, die Sie großgezogen haben, und denken Sie darüber nach.

    Ist es nicht das normale rationale Gefühl aller Eltern, ihr Kind keiner unnötigen Strahlenbelastung aussetzen zu wollen, selbst wenn es sich nur um Mikrosievert handelt?

    Es geht nicht darum, ob die Strahlendosis gering oder hoch ist, sondern darum, ob man ihr ausgesetzt ist oder nicht.


    Ich sollte mich frei entscheiden können, ob ich mich dem Risiko aussetzen will oder nicht. Wäre das nicht die Situation, in der man sein verfassungsmäßig garantiertes „Recht auf Selbstbestimmung“ ausüben kann?

    6. Bitte machen Sie ein Ende dieser Verzweiflung

    Ich sage nicht, dass ich gedankenlos und zu jedem Preis dieses Dasein als Geflüchtete fortsetzen will.

    Ich wiederhole folgendes immer wieder.

    Das Recht, sich der Strahlenbelastung zu entziehen und sich guter Gesundheit zu erfreuen, ist nichts weniger als das wichtigste Grundrecht in Bezug auf das Leben und die Gesundheit der Menschen.

    Ich bin der Meinung, dass dieses Recht für alle gleichermaßen anerkannt werden muss.

    Es ist meines Erachtens selbstverständlich, dass man Strahlenbelastung vermeiden will, und es soll allgemein anerkannt werden.

    Darüber hinaus ist es für Eltern ganz natürlich, dass sie mögliche Gesundheitsrisiken für ihre Kinder, die noch ihre ganze Zukunft vor sich haben, minimieren möchten. Ich glaube, es gibt keinen einzigen Elternteil, der nicht möchte, dass sein Kind gesund aufwächst.

    Es sollte keine Unsicherheit, keine Angst vor Strahlenbelastung und keine Sorge um die Gesundheit geben.

    Während des Prozesses legten die japanische Regierung und die Tepco, die beide für den Unfall verantwortlich waren und dessen Folgen herunterspielen wollten, trotz aller vorgelegten objektiven Beweise für die Kontamination selbst die Entschädigungskriterien fest, was die Entschädigungsentscheidungen des Gerichts beeinflusste. Unter diesen Umständen kann nicht gesagt werden, dass das Gericht wirklich unparteiisch urteilt.

    Die Evakuierung ist auch mit Kosten verbunden. Bei der Selbstevakuierung von Müttern und Kindern, einer typischen Form der Flucht nach dem Atomunfall von Fukushima Daiichi, verdoppeln sich die Lebenshaltungskosten, da die Familien auf zwei geografisch getrennte Haushalte aufgeteilt werden. Die Kosten für die Familienzusammenführung müssen von den Familien selbst getragen werden.

    Die Kosten für die Zusammenführung von Vätern und Kindern zu sparen, bedeutet, den Kindern eine schwere psychische Belastung aufzuerlegen, indem man ihnen die Anwesenheit ihres Vaters vorenthält. Ohne den Atomunfall hätte sich niemand freiwillig für einen Umzug und die Auflösung seines Zuhauses entschieden.

    All dies stellt eindeutig einen durch den Atomunfall verursachten Schaden dar. Für unsere Familie war dies die bestmögliche Lösung – wenn auch unfreiwillig –, um der Strahlenbelastung zu entkommen, d. h. es handelte sich um eine Strahlenschutzmaßnahme.

    Am 17. Juni 2022 fällte der Oberste Gerichtshof ein ungerechtfertigtes und logisch nicht überzeugendes Urteil, in dem er die Haftung des Staates ablehnte. Seitdem haben untergeordnete Gerichte zahlreiche ungerechtfertigte Urteile eins nach dem anderen gefällt, die den tatsächlichen Schaden herunterspielen.

    Unabhängig von den Urteilen der Gerichte werden die Schäden, die die Opfer der radioaktiven Kontamination durch den Atomunfall erlitten haben, jedoch nicht verschwinden. Ich bin auch heute noch gezwungen, im Exil zu leben, und es fällt mir sehr schwer, die Entscheidung zu treffen, mein Exil fortzusetzen. Mit anderen Worten: Der durch den Atomunfall verursachte Schaden hält auch jetzt, während ich zu Ihnen spreche, unvermindert an.

    Jedes Mal, wenn ein ungerechtes Urteil gefällt wird, versinke ich erneut in Verzweiflung über das Justizsystem selbst. Und alles, was ich empfinde, ist ein Gefühl der Krise, weil die Menschheit ihr Recht aufzugeben gezwungen wird, nämlich unnötige Strahlenexposition zu vermeiden.

    Herr Vorsitzender Richter Matsumoto Nobuyuki, Richter Terada Kohei auf der rechten Seite und Richter Shimizu Kohei auf der linken Seite, bitte stürzen Sie die Opfer des Atomunfalls nicht weiter in Verzweiflung.

    Entziehen Sie uns nicht das Recht, vor Strahlenbelastung geschützt zu sein und uns guter Gesundheit zu erfreuen.

    Gibt es etwas, dem mehr Wert beigemessen werden soll als das Leben und die Gesundheit der Menschen?

    Ich hoffe aufrichtig, dass die Entscheidung den Grundsatz bestätigt, dass Maßnahmen zur Vermeidung von Strahlenbelastung und zum Schutz des Lebens oberste Priorität haben und dass dieser Grundsatz vor allem anderen respektiert wird.

    Akiko MORIMATSU

    Vertreterin der Klägergruppe Kansai gegen den Staat und Tepco, Vertreterin der Vereinigung der Evakuierten vom Tōhoku-Erdbeben 2011 „Thanks & Dream“

    Die Geschichte der radioaktiven Exposition und der US-Japanischen Beziehung

    TAKAHASHI Hiroko *

    Die Vereinigten Staaten entwickelten Atombomben und warfen sie auf Hiroshima und Nagasaki ab.  Sie betonten, wie zerstörerisch Atombomben sind.  Sie priesen die Entwicklung von Atomwaffen und deren Einsatz als „Erfolg”.

    Unmittelbar nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erklärte die japanische Regierung ihrem Volk, dass die „neue Art von Bombe” nichts Beängstigendes an sich habe, wenn man sich genau an die Anweisungen halte.  Nach außen hin jedoch verurteilte sie über die Schweizer Regierung den Einsatz der Atombomben als Verstoß gegen das Völkerrecht mit der Begründung, dass dieser grausamer sei als der Einsatz von Giftgas.

    Die japanische Regierung berief sich auf Bestimmungen der 1907 in Den Haag unterzeichneten Konvention (IV) betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs, um die Atombombenabwürfe zu kritisieren. Der Anhang zu den „Bestimmungen über die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges” des Abkommens besagt in Artikel 22, dass „das Recht der Kriegführenden, Mittel zum Schaden des Feindes einzusetzen, nicht unbegrenzt ist”. Artikel 23 besagt, dass es verboten ist, Waffen, Geschosse oder Materialien einzusetzen, die unnötiges Leiden verursachen. Unter Berufung auf diese Bestimmungen verurteilte die japanische Regierung die Vereinigten Staaten mit den Worten: „Diese Bomben, die die Vereinigten Staaten kürzlich eingesetzt haben, übertreffen Giftgas und alle anderen Waffen, die aufgrund ihrer wahllosen und grausamen Wirkung verboten sind“, und forderte sie nachdrücklich auf, den Einsatz solcher brutalen Waffen unverzüglich einzustellen.

    Als die Besetzung Japans durch die Alliierten begann, berichteten die Medien über die Tatsache, dass die Menschen auch einen Monat nach den Bombenabwürfen noch litten und starben. Die Menschen mussten mit „unnötigem Leiden” kämpfen, das gegen das Völkerrecht verstieß.1

    Der australische Journalist Wilfred Burchett schrieb am 5. September 1945 einen Artikel mit dem Titel „The Atomic Plague” (Die atomare Plage) im London Daily Express. Er schrieb Folgendes: „In Hiroshima, 30 Tage nachdem die erste Atombombe die Stadt zerstört und die Welt erschüttert hatte, sterben immer noch Menschen auf mysteriöse und schreckliche Weise – Menschen, die bei der Katastrophe unverletzt geblieben waren – an etwas Unbekanntem, das ich nur als atomare Pest beschreiben kann.”2

    Brigadegeneral T.F. Farrell, stellvertretender Militärkommandant des Manhattan-Projekts, reagierte auf die Medienberichterstattung bei einer Pressekonferenz in Tokio am 12. September 1945. Die New York Times veröffentlichte am 13. September 1945 einen Artikel mit der Überschrift „Keine Radioaktivität in den Trümmern von Hiroshima”. Darin hieß es, Farrell habe „heute Abend nach einer Untersuchung des zerstörten Hiroshima berichtet, dass die Sprengkraft der Geheimwaffe größer war, als ihre Erfinder erwartet hatten, aber er habe kategorisch bestritten, dass sie eine gefährliche, anhaltende Radioaktivität in den Trümmern der Stadt verursacht oder zum Zeitpunkt der Explosion eine Art Giftgas erzeugt habe”.3

    Farrell äußerte sich auf dieser Pressekonferenz unter dem Einfluss von Stafford Warren, dem Leiter der medizinischen Abteilung des Manhattan-Projekts, der die Auswirkungen der Strahlenbelastung untersucht und das Ausmaß der radioaktiven Kontamination des Gebiets der Atombombenabwürfe abgeschätzt hatte. In seinem Kommentar zu den geschätzten Auswirkungen des Bombenabwurfs sagte Warren, dass eine Explosion einer Atombombe in der Luft, wie die Bomben, die auf zwei japanische Städte abgeworfen wurden, zerstörerische Druckwellen verursachen würde und dass Druckwellen sowie Gamma- und Neutronenstrahlen tödliche Auswirkungen hätten.  Er sagte auch, dass gefährliche spaltbare Materialien in die Substratosphäre aufgestiegen seien und durch den Wind verteilt worden seien.  Seine Schlussfolgerung lautete, dass die Menschen in ihre Häuser zurückkehren könnten, da die Stadt nicht mit gefährlichen Substanzen kontaminiert sei.4

    Warren hatte Farrell diesen Standpunkt bereits im September 1945 dargelegt.  Aber seine Aussage war falsch.  Nach zahlreichen Aussagen von Überlebenden der Atombombe in gemeinsamen Klagen wurden ihre Gesundheitsprobleme durch die Strahlenbelastung durch die Reststrahlung der Atombombe verursacht.

    In den frühen 1950er Jahren befragte die US-amerikanische Atomic Bomb Casualty Commission (ABCC, auf Deutsch: Kommission zur Untersuchung der Atombombenopfer) Menschen, die nach den Atombombenabwürfen in die Städte gekommen waren.  Dieses Projekt wurde jedoch 1953 ohne ausreichende Forschungsergebnisse eingestellt.5  Die US-Regierung leugnete weiterhin die Auswirkungen der Restradioaktivität oder der inneren Strahlenbelastung oder spielte sie herunter. Aus relevanten US-Dokumenten geht nun jedoch klar hervor, dass die offizielle Sichtweise der US-Regierung keine Glaubwürdigkeit besitzt.

    Die Frage ist hier, warum die US-Regierung die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki sowie der Marshallinseln befragt hat, obwohl sie offiziell die Auswirkungen der Strahlenbelastung unterschätzt hatte.

    Der Grund dafür war, dass die USA Daten sammeln wollten, die im Falle eines Dritten Weltkriegs nützlich sein könnten. Oberst A. W. Oughterson vom Sanitätskorps der US-Armee im Pazifikraum beschrieb die Bedeutung der „Studie über die durch den Einsatz von Atombomben verursachten Opferzahlen” in einem Brief, den er am 28. August 1945 an Guy Denit sandte. Er sagte, dass eine Untersuchung der Auswirkungen der beiden in Japan eingesetzten Atombomben für unser Land (die Vereinigten Staaten) sehr wichtig sei.  Er sagte auch, dass sich eine solche einmalige Gelegenheit bis zum nächsten Weltkrieg möglicherweise nicht wieder bieten würde.6  Im Juni 1950 gab die US-Atomenergiebehörde (AEC) bekannt, dass die ABCC die Untersuchung der japanischen Atombombenüberlebenden, nämlich der Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, fortsetzen würde.

    Es hieß: „Die japanischen Überlebenden sind die einzige Gruppe von Menschen auf der Welt, die einer Atombombenexplosion ausgesetzt waren. Aus diesem Grund haben die medizinischen Erkenntnisse der ABCC eine wichtige Bedeutung für Wissenschaftler und für die militärische und zivile Verteidigungsplanung in den Vereinigten Staaten.“7 Diese Aussage machte deutlich, wie wichtig die Strahlenwirkungsforschung für die militärische und zivile Verteidigung in den Vereinigten Staaten war. Tatsächlich hieß es in einer Broschüre, die im Rahmen des Zivilschutzprojekts verteilt wurde, dass die Überlebenschancen bei einem Atomangriff höher seien als man denke, da die Sprengkraft der Bomben begrenzt sei, und verwies darauf, dass etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Umkreis von einer Meile (1,6 km) um das Epizentrum in Hiroshima noch am Leben sei. Es wurde sogar argumentiert, dass die Strahlung von Atombomben nicht so schrecklich sei wie die Explosionen oder die Hitze, außer bei Explosionen unter Wasser oder am Boden, und dass die Gefahr einer ersten Strahlenexposition nur eine Minute lang bestehe.  Es ist erschreckend, dass diese Broschüre die Tatsache hervorhob, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einem bestimmten Gebiet überlebte, anstatt darauf hinzuweisen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung starb. In ihrer Propagandakampagne ignorierten die USA völlig die Auswirkungen der Reststrahlung, die eine Minute nach der Detonation freigesetzt wurde.

    Die US-Regierung vertuschte die radioaktive Kontamination, während sie nach der Aufdeckung der massiven radioaktiven Auswirkungen auf die Besatzung des Thunfischerbootes Daigo Fukuryu Maru durch den radioaktiven Niederschlag, der durch ein Wasserstoffbomben-Experiment am 1. März 1954 auf dem Bikini-Atoll ausgelöst wurde, eine gründliche Untersuchung der Menschen auf den Marshallinseln und des US-Militärpersonals durchführte.  Die US-Regierung startete im Mai 1954 ein weiteres Atomtestprogramm am Testgelände in Nevada zu Zivilschutzzwecken und lud Zivilisten und Medienvertreter ein. Anschließend startete sie eine neue Propagandakampagne, in der sie die Bürger aufforderte, Atombunker für den Fall eines radioaktiven Niederschlags zu kaufen.8

    Im Jahr 1957 richtete US-Präsident Dwight Eisenhower seinen wissenschaftlichen Beirat ein, bekannt als Gaither-Panel, um den Bau von Atombunkern für den Fall eines radioaktiven Niederschlags zu prüfen. Am 7. November 1957 legte das Gremium dem Präsidenten einen geheimen Bericht mit dem Titel „Abschreckung und Überleben im Atomzeitalter” vor. Darin wurde die Bereitstellung von 22,5 Milliarden Dollar für den Bau neuer Atombunker empfohlen. Eisenhower erklärte, er werde die Schätzungen des Berichts nicht veröffentlichen, da er eine Panik in der Bevölkerung befürchtete. Vizepräsident Richard Nixon argumentierte, dass die Sicherheit der USA nicht von der Zivilverteidigung abhänge, sondern von einer aktiven Verteidigung durch nukleare Abschreckung, und sagte, dass es aus Sicht des Überlebens der Nation keinen Unterschied zwischen 30 Millionen Toten und 50 Millionen Toten gebe.  Sie wussten, dass es keine Möglichkeit gab, die Bürger zu schützen, wenn ein Atomkrieg ausbrach. Deshalb plädierten sie vehement für „nukleare Abschreckung”, die durch Drohungen einen Atomkrieg verhindern sollte.10 Dies ist die Vorstellung, dass Atomwaffen aufgrund ihrer bedeutenden Rolle als Abschreckungsmittel als Trumpfkarte in der internationalen Politik eingesetzt werden könnten. Ich glaube jedoch, dass solche Rhetorik, die verbreitet wurde, das eigentliche Problem ist und nicht die Verbreitung von Atomwaffen selbst.

    Die Politik, sich auf den nuklearen Schutzschild zu verlassen, die Theorie der nuklearen Abschreckung und die Nutzung der Kernenergie dienen als Quellen für pro-nukleare Vorstellungen. Daher wurden viele Opfer von Atomwaffen aus der Öffentlichkeit ferngehalten. Dies wurde dadurch ermöglicht, dass die US-Regierung, die Atombomben entwickelt und eingesetzt hat, nicht nur mit diesen „Erfolgen“ prahlte, sondern es auch schaffte, ihre brutalen Auswirkungen und Schäden zu vertuschen, was eindeutig gegen das Völkerrecht verstößt.

    Der Einfluss von Atomwaffen oder Strahlungseffekten wurde unterschätzt und von Politikern und Wissenschaftlern propagiert, die an der Entwicklung von Atomwaffen oder an Strahlenexperimenten am Menschen zur Entwicklung von Strahlungswaffen beteiligt waren. Um einen ersten bescheidenen Schritt in Richtung Abschaffung von Atomwaffen zu machen, ist es wichtig, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass  Atomwaffen nicht nur eine zerstörerische Kraft oder ein politisches Druckmittel sind, um die Gegenseite zu bedrohen, sondern dass sie wahllos tragische Folgen haben, insbesondere für Kinder im Wachstum und ungeborene Kinder.

    _______________________________________

    *Gastwissenschaftlerin am Internationalen Friedensforschungsinstitut der Meiji-Gakuin-Universität und Teilzeitforscherin am Japanischen Rechtsinstitut der Universität Nagoya. Der Artikel ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen der Vortragsreihe „Die Geschichte der radioaktiven Belastung und die Beziehungen zwischen den USA und Japan” anlässlich der „Symposiumsreihe zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und zum 50. Jahrestag des Wahlrechtsgesetzes” am 4. Juli 2015 an der Nanzan-Universität gehalten wurde. Ich möchte mich ganz herzlich für die fruchtbaren Kommentare von Professor Kawashima Masaki und Professor Fujimoto Hiroshi sowie den Teilnehmern des Symposiums bedanken. Mein Dank gilt auch Professor Kawashima, Professor Fujimoto und den Mitarbeitern des American Center der Nanzan-Universität für ihre Einladung und ihre herzliche Gastfreundschaft.

    1. Diese Erklärung der japanischen Regierung wurde in Hiroshima ken, Hiroshima Shi veröffentlicht: Genbakushiryohen, (Hiroshimaken, 1972) 723–724.

     2. Daily Express, 5. September 1945.

     3. The New York Times, 13. September 1945.

    4. Stafford Warrens Ansicht zur Atombombe kommt deutlich auf der Rückseite des Titelblatts von  Medical Radiography and Photography, New York: Eastman Kodak Company Rochester, Band 24 Nr. 2, 1948, zum Ausdruck.

    5. Takahashi Hiroko, „Eine Minute nach der Detonation der Atombombe: Die ausgelöschten Auswirkungen der Reststrahlung“, Historia Scientiarum Band 19-2, 2009

    6. Brief von Oberst A. W. Oughterson, Sanitätskorps, US-Armee, Pazifik, an Guy Denit vom 28. August 1945, erschienen in Averill A. Lievow, „Saigaitono Sougu: Hiroshima no Igaku Nikki, 1945”, Hiroshima Igaku, 20, Nr. 2・3, 1967, 92–93.

    7. „Atomic Bomb Casualties Commission to Continue Studies of Japanese Atomic Bomb Survivors”, (Die Kommission für die japanischen Überlebenden der Atombombe). Aufzeichnungen des Amtes für öffentliche Information, Kopien von Reden von AEC-Beamten, 1947–1974, (Juni 1950), National Archives at College Park, Eintrag 24, Record Group 326

    8. Ebd.

    9. Guy Oaks, The Imaginary War: Civil Defense and American Cold War Culture  (Der imaginäre Krieg: Zivilschutz und amerikanische Kultur des Kalten Krieges) (New York: Oxford University Press, 1994), 166–167.

    10. NSC 5807/1, „Maßnahmen zur Umsetzung des Konzepts der Schutzräume“, 2. April 1958

    • Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Englischen des wissenschaftlichen Papiers : TAKAHASHI, Hiroko. « The History of Radioactive Exposure and U.S.-Japanese Relation », Nanzan Review of American Studies, vol.38, pp.135-138, 2016

    „Keine Radioaktivität in Hiroshima“

    Die Leugnung der Reststrahlung und ihre Folgen

    Die ersten Auswirkungen einer Atombombenexplosion sind bekannt: ein heller Blitz, eine Hitzewelle und eine Schockwelle. Die Detonation erzeugt auch Initialstrahlung: einen Strom von Gammastrahlen und Neutronen. Diese Strahlen durchdringen die meisten Materialien, einschließlich des menschlichen Körpers, und schädigen Zellen und Organe. Diese Ausbreitung radioaktiver Strahlung dauert weniger als eine Minute.

    Tatsächlich waren viele Opfer aber auch Reststrahlung ausgesetzt, die im Gegensatz zur Initialstrahlung hauptsächlich auf den Niederschlag radioaktiver Stoffe in Form von Partikeln zurückzuführen war. Diese Partikel steigen zunächst im Atompilz auf und fallen, während sich die Wolke unter dem Einfluss des Windes ausbreitet, in Form von Regen und Schnee auf die Erde zurück. Im Gegensatz zu Gamma- und Neutronenstrahlung bleiben diese Partikel einige Tage, Wochen oder sogar Hunderttausende von Jahren radioaktiv. Sie können durch Einatmen und Nahrungsaufnahme in den Körper gelangen und dort oft lange Zeit verbleiben. Da es sich um chemische Stoffe handelt, werden sie vom Körper verwertet und gebunden: Jod-131 in der Schilddrüse, Strontium-90 in Knochen und Zähnen usw. Diese Partikel strahlen permanent auf die sie umgebenden Zellen. Forscher der Universität Nagasaki, die Autoradiographien[1] an 70 Jahre alten Proben von Opfern der Atombombe von Nagasaki durchgeführt haben, konnten Alpha-Strahlung nachweisen und damit einen Beweis für die interne Exposition[2] liefern.

    www.cell.com/heliyon/fulltext/S2405-8440(18)31775-4

    Unmittelbar nach den Angriffen mit Atombomben verurteilte die japanische Regierung einen Verstoß gegen das Völkerrecht. Sie stützte sich dabei auf die 1907 in Den Haag unterzeichnete Konvention (IV) über die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges, insbesondere auf Artikel 22 des Anhangs, der besagt, dass die Kriegführenden kein uneingeschränktes Recht haben, die Mittel zur Bekämpfung des Feindes zu wählen, und auf Artikel 23, in dem es heißt: Neben den durch besondere Übereinkommen festgelegten Verbote ist insbesondere Folgendes verboten: (e) den Einsatz von Waffen, Geschossen oder Materialien, die unnötiges Leiden verursachen können.[3]

    Wilfred Burchett, der erste westliche Journalist, der nach dem Bombenangriff nach Hiroshima kam, veröffentlichte am 5. September 1945 im London Daily Express einen Bericht mit dem Titel „DIE ATOMARE PLAGE”. Er schrieb: „In Hiroshima, 30 Tage nachdem die erste Atombombe die Stadt zerstört und die Welt erschüttert hat, sterben Menschen – die bei der Katastrophe nicht verletzt wurden – immer noch auf mysteriöse und schreckliche Weise an etwas Unbekanntem, das ich nur als atomare Plage beschreiben kann. (…) Viele Menschen erlitten nur leichte Schnittwunden durch Ziegel- oder Stahlsplitter. Sie hätten sich schnell erholen müssen. Aber das ist nicht der Fall. Sie entwickelten eine akute Krankheit. Ihr Zahnfleisch begann zu bluten. Dann erbrachen sie Blut. Schließlich starben sie.”[4]

    antinuclear.net/2023/08/06/wilfred-burchett-the-atomic-plague/

    Die Reaktionen der amerikanischen Behörden ließen nicht lange auf sich warten. Am 6. September 1945 leugnete Brigadegeneral Thomas F. Farrell, stellvertretender Leiter des Manhattan-Projekts, auf einer Pressekonferenz in Tokio „kategorisch, dass die Atombombe gefährliche und anhaltende Radioaktivität in den Trümmern der Stadt verursacht oder zum Zeitpunkt der Explosion giftige Gase freigesetzt habe [5]” und erklärte, dass „die Menschen, die sterben mussten, bereits gestorben sind. Niemand leidet unter den Auswirkungen der Strahlung [6]”. Am 13. September 1945 veröffentlichte die New York Times einen Artikel mit dem Titel „Keine Radioaktivität in Hiroshima”. Captain Stafford Warren, Leiter der medizinischen Abteilung des Manhattan-Projekts, erklärte, dass bei der Explosion der Atombombe in großer Höhe radioaktives Material über eine große Entfernung verteilt wurde, sodass die Gefahr einer Restradioaktivität nicht mehr bestand. Dies ist die offizielle Position der US-Regierung. Am 14. September 1945 forderte Präsident Truman die amerikanische Presse auf, ihre Berichterstattung über die Atombombe einzuschränken. Ab dem 19. September wurden die japanischen Medien[7] einer Informationskontrolle unterworfen. Die US-Regierung versuchte somit, eine Anklage wegen Verstoßes gegen das Völkerrecht zu vermeiden, indem sie die Auswirkungen der Restradioaktivität leugnete, um die Möglichkeit eines künftigen Einsatzes von Atombomben aufrechtzuerhalten.

    Die Schlüsselfigur hier war Stafford Warren, der Chefarzt des Manhattan-Projekts. 1944 kam das von ihm geleitete medizinische Team dieses Projekts zu dem Schluss, dass Experimente am Menschen notwendig seien, um die mit Strahlung verbundenen Risiken zu untersuchen. Sie entwickelten einen Plan, der vorsah, zivilen Patienten auf amerikanischem Gebiet radioaktive Elemente, insbesondere Plutonium und Uran, zu injizieren. Dieser Plan wurde zwischen April 1945 und Juli 1947 ohne Zustimmung der Betroffenen an 18 Personen durchgeführt[8]. Warren war daher gut informiert über die Gesundheitsrisiken radioaktiver Stoffe, sobald sie sich im menschlichen Körper befinden. Die Leugnung der Restradioaktivität und damit der inneren Strahlenbelastung war ein Akt der Desinformation zu militärischen Zwecken.

    Das Überwachungsteam des Manhattan-Projekts in Nagasaki, Oktober 1945. Warren hält die Puppe in den Händen, die ihm vom japanischen Ärzteteam geschenkt wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/Stafford_L._Warren

    Die USA gründeten 1947 in Hiroshima und 1948 in Nagasaki die ABCC [9], um eine epidemiologische Studie über die Überlebenden der Atombombe durchzuführen. 1950 richtete die ABCC das LSS[10] ein, ein Langzeitforschungsprogramm. Es ist wichtig anzumerken, dass die Studie erst 1950 begann, also nachdem die Opfer mit der höchsten Strahlenbelastung größtenteils verstorben waren.

    Atomic Bomb Casualty Commission (ABCC) circa 1955
    https://en.wikipedia.org/wiki/Atomic_Bomb_Casualty_Commission

    Das LSS wurde unter der Schirmherrschaft der ABCC bis 1975 fortgesetzt, dem Jahr, in dem es durch das Programm der RERF-Stiftung[11] ersetzt wurde, das gemeinsam von Japan und den USA geleitet wurde. Das Programm läuft noch immer. Es hat etwa 120.000 Menschen aus Hiroshima und Nagasaki begleitet. Diese Zahl umfasst die Überlebenden (93.000 im Jahr 1950) und eine Kontrollgruppe (27.000), von der man damals annahm, dass ihre Mitglieder nicht der unmittelbaren Strahlung durch die Atomexplosionen ausgesetzt waren. Anhand der Daten aus den ersten Befragungen und den Folgeuntersuchungen konnten die Zusammenhänge zwischen der Exposition gegenüber ionisierender Strahlung und verschiedenen gesundheitlichen Folgen untersucht werden.

    Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dieser Datensatz in mehrfacher Hinsicht Einschränkungen unterliegt. Insbesondere konzentrierte sich das LSS auf die Erfassung von Daten zu Schäden durch externe Exposition aufgrund von Gamma- und Neutronenstrahlung. Die innere Verstrahlung wurde nicht berücksichtigt. In den 1950er Jahren war es nämlich noch nicht möglich, das Vorhandensein radioaktiver Partikel im menschlichen Körper und deren Menge nachzuweisen. Darüber hinaus war es in der katastrophalen Situation nach der Explosion nahezu unmöglich, Informationen über die innere Verstrahlung der Opfer und ihren Gesundheitszustand zu sammeln.

    All diese Umstände haben dazu geführt, dass die Frage der Gesundheitsrisiken durch innere Verstrahlung in der Geschichte ausgeblendet wurde, obwohl das LSS nach wie vor eine wichtige Quelle für epidemiologische Daten ist, insbesondere für die UNSCEAR[12], deren Schätzungen von den wichtigsten internationalen Organisationen, darunter die ICRP, die IAEO und die WHO, verwendet werden.

    Derzeit trägt diese Verschleierung dazu bei, dass Evakuierungszonen ausschließlich auf der Grundlage der Umgebungsradioaktivität festgelegt werden, insbesondere nach dem Reaktorunfall von Fukushima Daiichi[13], ohne die Risiken einer inneren Strahlenbelastung zu berücksichtigen, und dass eine große Zahl von Opfern der Atomkatastrophe vom offiziellen Anerkennungs- und Hilfssystem ausgeschlossen wird. Unter Berufung auf die individuelle Widerstandsfähigkeit, die die öffentlichen Behörden von ihrer Verantwortung entbindet, geht der Trend eher dahin, die Evakuierungszonen zu verkleinern und die Vorstellung von der Unbedenklichkeit der Strahlung zu verbreiten.

    [1]  Die Autoradiographie ist eine Sichtbarmachung einer radioaktiven Quelle innerhalb des untersuchten Objekts, und nicht mit einer externen Quelle, durchgeführt wird (siehe: Autoradiographie – Wikipedia)

    [2] SHICHIJO, Kazuko et al., « Autoradiographic analysis of internal plutonium radiation exposure in Nagasaki atomic bomb victims », HeliyonVolume 4, Issue 6, e00666, June 2018

    [3] https://ihl-databases.icrc.org/fr/ihl-treaties/hague-conv-iv-1907/regulations-art-23

    [4] https://antinuclear.net/2023/08/06/wilfred-burchett-the-atomic-plague/

    [5] Zitat des Buchkritiks “Classified Hiroshima and Nagasaki: The U.S. Nuclear Test and Civil Defense Program” (Gaifusha, 2008) de Hiroko TAKAHASHI.
    https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1215/s12280-009-9074-9

    [6] “People who were supposed to die, have already died. There is nobody who is suffering from the radiation”, cité dans, KIMURA, Akira, TAKAHASHI, Hiroko. Kaku no Sengo shi (L’histoire nucléaire de l’après-guerre), Sogensha, 2016

    [7] https://jahis.law.nagoya-u.ac.jp/scapindb/docs/scapin-33

    [8] Plutonium filesAmerica’s Secret Medical Experiments in the Cold War, par Eileen Welsome, The Dial Press, 1999

    [9] Atomic Bomb Casualty Commission (Kommission zur Untersuchung der Atombombenopfer)

    [10] Life Span Study (LSS)  – Lebensspannenstudie 

    [11] Radiation Effects Research Foundation (Strahleneffekte-Forschungsstiftung)

    Literaturhinweise:

    JACOBS, Robert. « Global hibakusha », Asia-Pacific Journal, Japan Focus, Volume 20, Issue 7, Number 1, 2022

    Ditto; Nuclear Bodies: The Global Hibakusha has just been released, Yale University Press, 2022

    KIMURA, Akira, TAKAHASHI, Hiroko. Kaku no Sengo shi (L’histoire nucléaire de l’après-guerre), Sogensha, 2016

    NICOLS, Amanda M., OLSON, Mary. Gender and Ionizing Radiation : Towards a New Research Agenda Addressing Disproportionate Harm, UNIDIR (L’Institut des Nations Unies pour la recherche sur le désarmement), 2024, https://unidir.org/wp-content/uploads/2024/11/Gender_and_ionizing_radiation_web.pdf

    OZAWA, Kotaro, GRAN, Eric J., KODAMA, Kasunori.  » Japanese Legacy Cohorts: The Life Span Study Atomic Bomb Survivor Cohort and Survivors’ Offspring », Journal of Epidemiology, 2018 Apr 5; 28(4): 162-169, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5865006/

    SHICHIJO, Kazuko et al. « Autoradiographic analysis of internal plutonium radiation exposure in Nagasaki atomic bomb victims », HeliyonVolume 4, Issue 6, e00666, June 2018

    TAKAHASHI, Hiroko. « The History of Radioactive Exposure and U.S.-Japanese Relation », Nanzan Review of American Studies, vol.38, pp.135-138, 2016

    WELSOME, Eileen. Plutonium filesAmerica’s Secret Medical Experiments in the Cold War, The Dial Press, 1999

    Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus dem Französischen: « Pas de radioactivité à Hiroshima » – Nos Voisins Lointains 3.11

    Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (August 2025)

    Der Kampf gegen Atomwaffen

    Rede von Prof. Hiroko TAKAHASHI am 9.8.2025

    ©Hiroko Takahashi

    In diesem Jahr jähren sich die Atombombenabwürfe der US-Regierung zum 80. Mal: am 6. August für Hiroshima und am 9. August für Nagasaki. Es ist heute wichtiger denn je, der Tatsache genau ins Gesicht zu sehen, dass diese Angriffe durch die Explosion, die Hitze und die Strahlung abscheuliche Schäden verursacht haben.

    Was geschah als Folge der Atombombenabwürfe? Bis heute ist die Realität der Nuklearkatastrophe nicht ausreichend als gemeinsame menschliche Erfahrung geteilt. Insbesondere die tatsächlichen Langzeitwirkungen des nuklearen Niederschlags auf Menschen und die Umwelt bleiben verschwiegen.

    Die Gründe dafür sind folgende: Erstens wurden die Informationen über die Auswirkungen der Atombombe von der US-Regierung während der Besatzung bis April 1952 kontrolliert. Zweitens werden wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen der Strahlung weiterhin als militärische Geheimnisse eingestuft. Und drittens hat die Regierung der USA nur über die Zerstörungskraft der Atombombe kommuniziert, aber auf Informationen verzichtet, die möglicherweise eine Verletzung des Völkerrechts darstellten. Unter diesen Umständen wurde die Hilfe und Unterstützung für Atombombenopfer sowohl auf internationaler Ebene als auch innerhalb Japans immer vernachlässigt.

    Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki erzeugten Druckwellen, Hitzestrahlen und Strahlung. Die in der ersten Minute nach der Explosion entstandene Strahlung wird als „Initialstrahlung“ bezeichnet, während die später entstandene Strahlung „Reststrahlung“ genannt wird. Wenn die radioaktiven Substanzen der Reststrahlung, die an Staub, Schmutz oder Regen gebunden über ein großes Gebiet herabfallen, heißt das Phänomen „radioaktiver Fallout“ (Niederschlag). Die bedeutenden und langanhaltenden Auswirkungen dieses radioaktiven Niederschlags wurden heruntergespielt, was dazu führte, dass die Pathologien der verstrahlten Überlebenden nicht anerkannt wurden.  Dies ist der Grund für den strukturellen und politischen Mangel an Maßnahmen zum Schutz und zur Prävention vor Strahlung. Und durch das Nicht-Beachten von verstrahlten Opfern entstehen immer mehr neue Opfer von Nuklearunfällen.

    Während der Zeit des Kalten Krieges zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR wurden die Opfer der Atombomben unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“ von den Regierungen vernachlässigt, aber eine Reihe von Journalisten, Wissenschaftlern, Intellektuellen und Bürgern haben sich in den letzten 80 Jahren auf unterschiedliche Weise engagiert, um die tatsächlichen Auswirkungen der Strahlung aufzuklären und den Opfern Hilfe zukommen zu lassen. In Frankreich etwa wurde der Spielfilm „Hiroshima mon amour“ vom Regisseur Alain Resnais und der Drehbuchautorin Marguerite Duras aus dem Jahr 1959 bekannt, in dem Bilder der verheerenden Folgen der Atombombe gezeigt wurden.

    Auch die Bewegungen von sogenannten „global Hibakusha“ (alle Strahlenopfer der Atomtests und der Atomunfälle, die der Arbeiter in den Uranminen, in den Kraftwerken und den Einrichtungen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle usw.) haben sich im Laufe dieser 80 Jahre vervielfacht und ausgeweitet, um nach mehr Rechte und Entschädigungen zu erkämpfen. Aber das bedeutete eben, dass ihnen keine Hilfe und kein Schutz gewährt worden wäre, wenn die Opfer nicht selbst geklagt hätten.

    So sind in Japan noch immer zivile Sammelverfahren anhängig: der Prozess um die Anerkennung der durch die Atombombe verursachten radioaktiven Strahlenkrankheiten, der Prozess der Opfer des „schwarzen Regens“ von Hiroshima, der Prozess der Opfer der amerikanischen Atomtests im Bikini-Atoll, der Prozess der Opfer von Nagasaki, die außerhalb der offiziell anerkannten Gebiete verstrahlt wurden, und etwa 30 Prozesse der Opfer des Atomunfalls in Fukushima. Dabei ist der direkt oder indirekt Angeklagte in all diesen Verfahren die japanische Regierung.

    Unmittelbar nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki protestierte die damalige japanische Regierung über die Schweizer Regierung gegen die USA und beschuldigte sie, gegen die Haager Konvention (1899) zu verstoßen, die den Einsatz von Waffen wie Giftgas oder solchen, die unnötiges Leid verursachen, verbietet. Dies war jedoch der einzige Protest der japanischen Regierung. Nach der Kapitulation, 80 Jahre lang und bis heute, haben die aufeinanderfolgenden japanischen Regierungen nie gegen die Atombombenabwürfe protestiert; stattdessen leugnen sie gemeinsam mit den USA die Gräueltaten der Atombomben.

    Die offizielle Position des japanischen Außenministeriums lautet: „Es sei notwendig, die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten zu erhalten, die im Besitz der Nuklearwaffen sind und die nach dem Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit mit unserem Land unsere Verbündeten sind“. Japan tritt auch nicht dem Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen bei, mit der Begründung, dass “der AVV keine Sicherheitsüberlegungen berücksichtigt. Wenn wir einem Vertrag beitreten würden, der Atomwaffen illegal macht, würde die Legitimität der nuklearen Abschreckung der USA zunichte gemacht und wir würden das Leben und das Eigentum der Japaner gefährden. Dies würde zu Problemen für die nationale Sicherheit führen”.

    Schlimmer noch, die japanische Regierung schließt sich der US-Regierung an in ihrer Verharmlosung und Verleugnung der Gräueltaten von Atomwaffen und der Auswirkungen von Reststrahlung, radioaktivem Niederschlag und innerer Verstrahlung. Man muss hinzufügen, dass trotz der seit langem bestehenden Feststellung, dass die Auswirkungen der Strahlenbelastung für heranwachsende Kinder viel schädlicher sind, die Auswirkungen von Radioaktivität auf Kinder, einschließlich derjenigen von Atomunfällen, verschwiegen wurden.

    Um diese Positionen der japanischen Regierung in zahlreichen Gerichtsverfahren zu widerlegen, habe ich einen Vortrag gehalten, der auf meinen historischen Recherchen beruht: Er zeigt auf, inwiefern Studien über die Auswirkungen von Strahlung auf Menschen gegen das medizinische Ethos verstoßen, da sie nicht durchgeführt wurden, um Leben zu retten, sondern um Atomkriege vorzubereiten oder Atomwaffen zu entwickeln. Es handelt sich hier um meinen Widerstand gegen das Argument, das Atombomben legitimiert, gegen die Theorie der nuklearen Abschreckung und gegen die Doktrin des „gerechten Krieges“. Es ist auch und vor allem ein Widerstand, um die Zukunft vor nuklearen Katastrophen zu schützen.

    Ich fordere deshalb alle auf, den Kampf gegen Atomwaffen zu verstärken: für das Recht zu kämpfen, nicht mit Atomwaffen anderen zu drohen, auch nicht von Atomwaffen bedroht zu werden; wir lehnen es ab, Angreifer oder Komplizen von nuklearen Katastrophen zu werden, ich rufe zum Widerstand auf, dass atomare Katastrophen jeglicher Art vertuscht, verheimlicht oder verschwiegen werden.

    Frau Takahashi (rechts) bei der Rede im Festival “Résistantes”

    TAKAHASHI, HIROKO: Professorin für Geschichte, Universität von Nara, Japan. Diese Rede wurde am 9 August 2025 im Rahmen des „Résistantes“-Festivals in Frankreich gehalten.

    Kazaguruma-Demo 2025 Zusammenfassungsvideo

    Hier ist ein Video mit den wichtigsten Botschaften aus den Reden der Kazaguruma-Demo, die am 9. März 2025 in Berlin stattfand. (deutsch mit japanischen Untertiteln)

    Das diesjährige Thema lautet: „No More Hibakusha!“ – Keine weiteren Hibakusha, weder durch Atomwaffen noch durch Kernenergie!

    Strafanklage gegen die ehemaligen TEPCO-Führunskräfte: Die Freisprechung vom Obersten Gerichtshof Japans bestätigt

    Am 6. März 2025 bestätigte der Oberste Gerichtshof Japans die Entscheidung des Gerichts einer unteren Instanz, das die ehemaligen Führungskräfte der Tokioter Elektrizitätsgesellschaft TEPCO nicht der beruflichen Fahrlässigkeit schuldig befunden hatte, und wies somit die Beschwerde der Klägergruppe zurück. Bei der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 war es zu Kernschmelzen im AKW Fukushima Dai-ichi gekommen, wodurch große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden.

    Am selben Tag hielten die Anwälte der Klägergruppe und deren Sprecherin Ruiko Muto eine Pressekonferenz ab. Hier ein Auszug aus ihrem Kommentar:

    „Der Staat und TEPCO waren sowohl vor dem Bezirksgericht als auch vor dem Obersten Gerichtshof freigesprochen worden. Deshalb hatten wir unsere letzten gebliebenen Hoffnungen auf das Ethos und den Gerechtigkeitssinn der Richter des Obersten Gerichtshofs als Ort der Gerechtigkeit gesetzt.

    Heute am 6.3.2025, kurz vor dem 11. März, dem Jahrestag von Fukushima, ist aber diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofs gefallen. Ich habe bis heute 13 Jahre wie eine Verrückte mit der Vorbereitung für die Strafanzeige und den langwierigen Prozess verbracht. In dieser Zeit hat es mir kaum Zeit gelassen nachzudenken oder in Ruhe zurückzublicken. Dass die Justiz diese Entscheidung aber kurz vor dem 14. Jahrestag der Nuklearkatastrophe fällen musste, empfinde ich besonders ihre Grausamkeit und Gleichgültigkeit den Opfern gegenüber. Es ist nichts anderes als eine Kaltschnäuzigkeit, mit der sogar das Gericht die Opfer des Atomunfalls mit Füßen tritt. Sehr viele Betroffene und Opfer sind von diesem Urteil tiefst enttäuscht und wütend.

    Die Nuklearkatastrophe von Fukushima dauert noch immer an. Es empört mich vor allem, dass das Gericht dafür kein Verständnis gezeigt hat, wieviel Schäden durch diese Katastrophe entstanden sind, wie viele Menschenleben ruiniert worden sind, was für ein negatives Erbe diese künftigen Generationen hinterlassen hat. Wenn das Gericht die Geschäftsführung des Unternehmens, das einen gravierenden Atomunfall verursacht hat, nicht dafür verantwortlich macht, bedeutet gleichzeitig, dass eine nächste Nuklearkatastrophe möglich ist. Und ich finde es zutiefst enttäuschend, dass der Oberste Gerichtshof dies nicht verstanden hat.

    Nun haben wir keine Möglichkeit mehr, dieses Urteil juristisch anzufechten, aber wir können unmöglich mit diesem Urteil einverstanden sein. Heute kann ich nur so weit sagen: Wir werden dafür sorgen, dass die Verantwortungsfrage für diesen Atomunfall weiterhin in der Zukunft in vielerlei Hinsicht gestellt wird. Wir werden unsere Aktivitäten in diesem Bereich fortsetzen.“

    sayonara nukes berlin de blog