All posts by YU

Abschluss der Sammelklage der Region Kansai auf Entschädigung für Opfer des Atomunfalls von Fukushima

Einführung

©Takezo Takahashi

Bis heute wurden landesweit etwa 30 Sammelklagen gegen den japanischen Staat und TEPCO1 eingereicht, an denen mehr als 10.000 Menschen beteiligt waren. In drei Berufungsurteilen wurde die Haftung des Staates und von TEPCO anerkannt. Dabei handelt es sich um den Prozess „Gebt uns unsere Lebensgrundlage zurück, gebt uns unsere Region zurück” aus dem Jahr 2020, die Klage in Chiba und die Klage in Ehime aus dem Jahr 2021.

Seit der Oberste Gerichtshof jedoch im Juni 2022 ein Urteil gefällt hat, in dem er die Haftung des Staates in vier Sammelklagen (die drei oben genannten sowie die Gumma-Klage2) abgelehnt hat, haben untergeordnete Gerichte in aufeinanderfolgenden Urteilen die Haftung des Staates abgelehnt.

Die Sammelklage der Region Kansai3, die als „Schlusslicht“ unter den Sammelklagen von Geflohenen aus Fukushima gilt, ist nach einer langen Laufzeit von mehr als 12 Jahren seit Einreichung der Klage (erste Phase) am 17. September 2013 zu Ende gegangen. Während dieses Zeitraums wurden alle 79 klagenden Haushalte befragt. Während in anderen Verfahren oft nur einige der Kläger befragt wurden, folgte das Bezirksgericht Osaka einem besonders gründlichen Verfahren, was eher ungewöhnlich ist.

Die Vernehmung der Kläger fand von Mai 2011 bis September 2025 in monatlichen Abständen statt. Während der Vorsitzende Richter während des Verfahrens häufig wechselt, gab es im Fall des Prozesses der Region Kansai keinen Wechsel, und derselbe Vorsitzende Richter führte alle Vernehmungsverfahren durch.

Der Prozess wurde am 24. Dezember abgeschlossen, und die Urteilsverkündung ist für den 2. September 2026 vorgesehen.

Wir veröffentlichen hier das Schlussplädoyer von Akiko Morimatsu, der Vertreterin der Klägergruppe. Frau Morimatsu ist ebenfalls Vertreterin der Vereinigung der Gruppen, die gegen TEPCO und den japanischen Staat klagen.

__________________________

1 Tokyo Electric Power Company, Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi

2 Im Gegensatz zu den drei Berufungen wurde die Berufung von Gumma vor dem Berufungsgericht Tokio im Jahr 2021 nicht anerkannt.

3 Die Region Kansai umfasst sechs Präfekturen, darunter Osaka und Kyoto.

————————————-

Schlussplädoyer von Frau Morimatsu vor Gericht am 24.12.2025

Ich heiße Akiko MORIMATSU, Klägerin Nummer 1-1.

Ich bedanke mich für die Gelegenheit, hier im Gericht in der letzten mündlichen Verhandlung mein Schlussplädoyer persönlich vortragen zu dürfen.

1. Trennung der Familie und Verlust des friedlichen Lebens

Ich zog aus der Stadt Kôriyama in der Präfektur Fukushima in die Stadt Ôsaka mit zwei Kindern, mit denen ich heute noch als Alleinstehende das Leben der Selbst-Evakuierten führe. Mein Mann ist nämlich in Fukushima geblieben, und seit 14 Jahren und 9 Monaten ist unsere Familie voneinander getrennt.

    Meine Kinder, die zum Zeitpunkt des Atomunfalls jeweils 3 und 0 Jahre alt waren, sind inzwischen 17 und 15 Jahre alt.

    Der ältere Sohn ist in der 3. Klasse der Höheren Schule und die jüngere Tochter in der 3. Klasse der Mittleren Schule, beide also in einer sehr sensiblen Phase des Lebens. Obwohl ihr Vater bei guter Gesundheit ist, kann er nicht da sein, um ihnen Ratschläge zu geben und ihre Fragen zum Leben zu beantworten. Seit 14 Jahren konnte er nicht hautnah erleben, wie seine Kinder heranwachsen, wir konnten als Eltern ebenfalls nicht Freude und Kummer im Alltag mit den Kindern teilen.

    Unsere Kinder waren des friedlichen Familienlebens beraubt, das bedeutet: entspannt mit allen Familienmitgliedern zusammen den Alltag teilen, füreinander da sein. Dies ist ein offensichtlicher Schaden, der durch den Atomunfall verursacht wurde.

    2. Aufrichtiger Wunsch, Strahlenbelastung zu vermeiden

    Trotz allem setze ich mein Dasein als Geflüchtete mit den Kindern fort. Denn als Folge des Nuklearunfalls von Fukushima Daiichi wurden viele radioaktive Substanzen ab dem 11. März 2011 großflächig freigesetzt, nicht nur in der Stadt Kôriyama in der Präfektur Fukushima, wo ich war. Weil die radioaktive Kontamination noch immer existiert, bleiben wir im Exil. Wenn ich Strahlenexposition vermeiden will, der wir eigentlich nie hätten ausgesetzt werden sollen, muss ich fernbleiben.    

    In unserem Wohngebiet hatte es keine Evakuierungsanordnung gegeben. Ich musste deshalb aus eigener Initiative und auf eigene Faust mit den Kindern fliehen und fortbleiben. Laut der Angabe der Wiederaufbaubehörde gibt es heute noch 26.597 Evakuierte, inklusive Selbst-Evakuierte, die aus der Region außerhalb der Sperrzone stammen. Obwohl die Zahl so hoch ist, hat der Staat seit 14 Jahren praktisch nichts unternommen, um ein System zu etablieren oder Maßnahmen zu ergreifen, um die Evakuierten zu unterstützen.

    Vor allem wir, die wir ohne Evakuierungsanordnung auf Eigeninitiative hin und ohne fremde Hilfe geflohen sind, befanden uns ständig in einer schwierigen Lage. Obwohl es eindeutig war, dass wir wegen der radioaktiven Kontamination durch den Atomunfall so handeln mussten, was sich schließlich als Folge der nationalen Politik ereignet hatte, versuchte der Staat nicht einmal die präzise Zahl der Evakuierten, vor allem von Mutter-Kind-Haushalten, statistisch zu erfassen, unternahm nichts, und setzt uns sogar weiterhin Diffamierungen und Demütigungen aus.

    3. Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes aufgrund des Zwangs zur Strahlenexposition

    Ich war nicht in einem panischen Zustand, als ich mich entschied, mit Kindern zu fliehen.

    Ich hatte damals entschieden auf der Grundlage der am 11. März 2011 geltenden Richtlinien und Vorschriften aus der Gegend zu fliehen. Und hiermit erkläre ich, dass ich beabsichtige, die Evakuierung unter Berücksichtigung der objektiven Fakten bezüglich der Kontamination fortzusetzen.

    Der Grenzwert der Strahlenexposition für die normale Bevölkerung beträgt 1 Millisievert pro Jahr. Aber die Behörden haben nach dem 11. März 2011 diesen Grenzwert für die betroffene Region auf 20 Millisievert pro Jahr erhöht und behaupten, es bedeute keine Gefahr für uns. Warum sollte Fukushima der einzige Ort sein, an dem die Einwohner hohe Strahlendosen hinnehmen müssen, während für den Rest Japans weiterhin der Grenzwert von einem Millisievert gilt? Das ist eindeutig eine Diskriminierung.

    Außerdem gibt es noch ein generell verbreitetes Missverständnis gegenüber den sogenannten „Selbst-Evakuierten“.

    Sehr oft wird angenommen, als hätten wir eine freie Wahl zwischen Fliehen und nicht Fliehen gehabt. Es wird davon ausgegangen, dass unsere Entscheidung, die Region zu verlassen, aus freiem Willen und auf eigene Verantwortung getroffen wurde und dass wir daher keinen Nachteil erlitten hätten, da wir auf eigene Initiative gehandelt hätten.

    Aber das ist ein Irrtum. Wir hatten keine Wahl zwischen Evakuierung oder Nicht-Evakuierung, sondern mussten uns zwischen zwei schmerzhaften, unerwünschten Optionen entscheiden: „weiterhin der Strahlung ausgesetzt sein“ oder „selbst evakuieren, wenn wir nicht exponiert sein wollen“.  Dies war eine plötzliche, dringende Entscheidung, die unser bisher friedliches Leben durcheinanderbrachte.

    Ich habe nicht die Absicht, mich mit dem Schaden abzufinden, den die Täter selbst verursacht haben; sie hatten uns nicht nur keinen Hinweis darauf gegeben, sondern auch einseitig über die „zulässigen Expositionswerte“ entschieden, die „zu tolerieren“ sind.

    4. „Infoblätter“ erzählen uns nicht die Wahrheit

    Während der Befragung verweisen die Anwälte der beklagten Tokyo Electric Power Company auf die „Informationsbroschüre“ von der Gemeinde hin, die wir verlassen hatten, und wiederholten Argumente wie „Haben Sie die Informationsbroschüre nicht gelesen?”oder „Darin steht, dass es sicher ist“, als würden sie sich wundern, dass wir der Broschüre nicht vertrauten.

    Ich möchte hier den Richtern eine Frage stellen:

    Glauben Sie, dass die radioaktive Kontamination verschwindet, wenn man in „Informationsbroschüren über „Feste“ und „Einschulungsfeiern“ berichtet? In den Zonen ohne Evakuierungsanordnung gibt es Menschen, die aus verschiedenen Gründen entschieden haben, dort zu bleiben. Und wenn Menschen leben, werden Kirschblütenfeste gefeiert und Feuerwerke während des Sommerfestes gezündet.

    Mit den Slogans wie „Ganbarô Tôhoku“ (Halte durch, Tôhoku!) und enormen Budgets, die für den Wiederaufbau bereitgestellt werden, ist es möglich, Großveranstaltungen zu finanzieren und eine festliche Atmosphäre zu schaffen, als wäre der Wiederaufbau bereits ein großer Erfolg.

    Die „Öffentlichkeitsarbeit“ besteht darin, dass der Staat und die Verwaltungen die Bevölkerung (Bürger) mit Hilfe von Steuergeldern über das informieren, was sie wissen sollen.

    Ich bin aber auch mit Begriffen wie „Propaganda“ vertraut, oder mit dem, was Japaner unter dem Ausdruck „Meldungen des Kaiserlichen Hauptquartiers“ verstehen (nach der Praxis der Propagandameldungen seitens des Kaiserlichen Hauptquartiers Japans während des zweiten Weltkrieges) – also ist es mir bewusst, was für eine Rolle die offiziellen Meldungen in der Geschichte gespielt haben.

    Die „öffentlichen Broschüren“, in denen der Staat und die Behörden nur das mitteilen, was sie der Bevölkerung wissen lassen wollen, haben uns keine der Wahrheiten geliefert, die wir als Evakuierte wissen wollten.

    Darüber hinaus wurde in der Stadt Kôriyama, aus der ich floh, erst 2018 ein Sportfest der Schule im Freien ohne Zeitbegrenzung veranstaltet, also 7 Jahre nach dem Atomunfall.

    Zum Zeitpunkt der Evakuierung wurde geschätzt, dass Schilddrüsenkrebs bei Kindern nur ein oder zwei von einer Million Menschen betraf. Den Ergebnissen der Gesundheitsuntersuchungen unter Einwohnern der Präfektur Fukushima zufolge, in der zu diesem Zeitpunkt nur 370.000 Kinder unter 18 Jahren lebten, wurden jedoch bis heute fast 400 Fälle registriert, was eindeutig einen deutlichen Anstieg darstellt.

    Obwohl der radioaktive Fallout keinen Halt an der Präfektur-Grenze machte, werden regelmäßige und großangelegte Gesundheitsuntersuchungen nur in der Präfektur Fukushima mit öffentlichen Geldern durchgeführt. Es sei daran erinnert, dass diejenigen, die zum Zeitpunkt des Unfalls zwischen 6 und 16 Jahre alt waren und bei denen Schilddrüsenkrebs durch die Gesundheitsuntersuchung entdeckt worden waren, eine Sammelklage gegen die Tokyo Electric Power Company eingereicht haben, in der sie geltend machten, dass ihr Schilddrüsenkrebs durch den Atomunfall von Fukushima verursacht worden sei.

    Die Aussagen der jugendlichen Kläger zeigen, dass sie ohne jeglichen Schutz der Strahlung ausgesetzt waren, obwohl Kinder besonders anfällig für Strahlung sind. Heute bedauern sie, dass sie nicht geschützt wurden. Sie sagen, dass sie „nichts wussten und ohne jeglichen Schutz dem Regen und Wind ausgesetzt waren“ und dass „ihre Eltern ihnen gesagt hatten, sie sollten nicht nach draußen gehen, aber sie gingen trotzdem hinaus, um mit ihren Freunden zu spielen“.

    5. Fragen an die Richter

    Euer Ehren, ich bitte Sie, sich die Situation als Menschen vorzustellen und sich in die Lage der Betroffenen in ihrem täglichen Leben zu versetzen.

    Möchten Sie Ihre Kinder wirklich an einem Ort großziehen, an dem es unmöglich ist, Sportfeste im Freien abzuhalten?

    Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Aber auch Sie waren einmal Kinder. Erinnern Sie sich daran, dass Ihnen Zeitlimits für das Spielen im Freien auferlegt wurden, auch an Schulsporttagen?

    Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie belastend es ist, jeden Tag in Angst zu leben und sich zu fragen, ob das, was Sie anfassen oder essen, gesundheitsschädlich ist, ob eine Strahlenbelastung besteht?


    Wenn Ihnen außerdem gesagt würde, dass in dem Leitungswasser, das Sie täglich trinken, radioaktive Substanzen nachgewiesen wurden, könnten Sie es dann weiterhin trinken? Versetzen Sie sich in die Lage, stellen Sie sich die Gesichter Ihrer Eltern vor, die Sie großgezogen haben, und denken Sie darüber nach.

    Ist es nicht das normale rationale Gefühl aller Eltern, ihr Kind keiner unnötigen Strahlenbelastung aussetzen zu wollen, selbst wenn es sich nur um Mikrosievert handelt?

    Es geht nicht darum, ob die Strahlendosis gering oder hoch ist, sondern darum, ob man ihr ausgesetzt ist oder nicht.


    Ich sollte mich frei entscheiden können, ob ich mich dem Risiko aussetzen will oder nicht. Wäre das nicht die Situation, in der man sein verfassungsmäßig garantiertes „Recht auf Selbstbestimmung“ ausüben kann?

    6. Bitte machen Sie ein Ende dieser Verzweiflung

    Ich sage nicht, dass ich gedankenlos und zu jedem Preis dieses Dasein als Geflüchtete fortsetzen will.

    Ich wiederhole folgendes immer wieder.

    Das Recht, sich der Strahlenbelastung zu entziehen und sich guter Gesundheit zu erfreuen, ist nichts weniger als das wichtigste Grundrecht in Bezug auf das Leben und die Gesundheit der Menschen.

    Ich bin der Meinung, dass dieses Recht für alle gleichermaßen anerkannt werden muss.

    Es ist meines Erachtens selbstverständlich, dass man Strahlenbelastung vermeiden will, und es soll allgemein anerkannt werden.

    Darüber hinaus ist es für Eltern ganz natürlich, dass sie mögliche Gesundheitsrisiken für ihre Kinder, die noch ihre ganze Zukunft vor sich haben, minimieren möchten. Ich glaube, es gibt keinen einzigen Elternteil, der nicht möchte, dass sein Kind gesund aufwächst.

    Es sollte keine Unsicherheit, keine Angst vor Strahlenbelastung und keine Sorge um die Gesundheit geben.

    Während des Prozesses legten die japanische Regierung und die Tepco, die beide für den Unfall verantwortlich waren und dessen Folgen herunterspielen wollten, trotz aller vorgelegten objektiven Beweise für die Kontamination selbst die Entschädigungskriterien fest, was die Entschädigungsentscheidungen des Gerichts beeinflusste. Unter diesen Umständen kann nicht gesagt werden, dass das Gericht wirklich unparteiisch urteilt.

    Die Evakuierung ist auch mit Kosten verbunden. Bei der Selbstevakuierung von Müttern und Kindern, einer typischen Form der Flucht nach dem Atomunfall von Fukushima Daiichi, verdoppeln sich die Lebenshaltungskosten, da die Familien auf zwei geografisch getrennte Haushalte aufgeteilt werden. Die Kosten für die Familienzusammenführung müssen von den Familien selbst getragen werden.

    Die Kosten für die Zusammenführung von Vätern und Kindern zu sparen, bedeutet, den Kindern eine schwere psychische Belastung aufzuerlegen, indem man ihnen die Anwesenheit ihres Vaters vorenthält. Ohne den Atomunfall hätte sich niemand freiwillig für einen Umzug und die Auflösung seines Zuhauses entschieden.

    All dies stellt eindeutig einen durch den Atomunfall verursachten Schaden dar. Für unsere Familie war dies die bestmögliche Lösung – wenn auch unfreiwillig –, um der Strahlenbelastung zu entkommen, d. h. es handelte sich um eine Strahlenschutzmaßnahme.

    Am 17. Juni 2022 fällte der Oberste Gerichtshof ein ungerechtfertigtes und logisch nicht überzeugendes Urteil, in dem er die Haftung des Staates ablehnte. Seitdem haben untergeordnete Gerichte zahlreiche ungerechtfertigte Urteile eins nach dem anderen gefällt, die den tatsächlichen Schaden herunterspielen.

    Unabhängig von den Urteilen der Gerichte werden die Schäden, die die Opfer der radioaktiven Kontamination durch den Atomunfall erlitten haben, jedoch nicht verschwinden. Ich bin auch heute noch gezwungen, im Exil zu leben, und es fällt mir sehr schwer, die Entscheidung zu treffen, mein Exil fortzusetzen. Mit anderen Worten: Der durch den Atomunfall verursachte Schaden hält auch jetzt, während ich zu Ihnen spreche, unvermindert an.

    Jedes Mal, wenn ein ungerechtes Urteil gefällt wird, versinke ich erneut in Verzweiflung über das Justizsystem selbst. Und alles, was ich empfinde, ist ein Gefühl der Krise, weil die Menschheit ihr Recht aufzugeben gezwungen wird, nämlich unnötige Strahlenexposition zu vermeiden.

    Herr Vorsitzender Richter Matsumoto Nobuyuki, Richter Terada Kohei auf der rechten Seite und Richter Shimizu Kohei auf der linken Seite, bitte stürzen Sie die Opfer des Atomunfalls nicht weiter in Verzweiflung.

    Entziehen Sie uns nicht das Recht, vor Strahlenbelastung geschützt zu sein und uns guter Gesundheit zu erfreuen.

    Gibt es etwas, dem mehr Wert beigemessen werden soll als das Leben und die Gesundheit der Menschen?

    Ich hoffe aufrichtig, dass die Entscheidung den Grundsatz bestätigt, dass Maßnahmen zur Vermeidung von Strahlenbelastung und zum Schutz des Lebens oberste Priorität haben und dass dieser Grundsatz vor allem anderen respektiert wird.

    Akiko MORIMATSU

    Vertreterin der Klägergruppe Kansai gegen den Staat und Tepco, Vertreterin der Vereinigung der Evakuierten vom Tōhoku-Erdbeben 2011 „Thanks & Dream“

    Die Geschichte der radioaktiven Exposition und der US-Japanischen Beziehung

    TAKAHASHI Hiroko *

    Die Vereinigten Staaten entwickelten Atombomben und warfen sie auf Hiroshima und Nagasaki ab.  Sie betonten, wie zerstörerisch Atombomben sind.  Sie priesen die Entwicklung von Atomwaffen und deren Einsatz als „Erfolg”.

    Unmittelbar nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erklärte die japanische Regierung ihrem Volk, dass die „neue Art von Bombe” nichts Beängstigendes an sich habe, wenn man sich genau an die Anweisungen halte.  Nach außen hin jedoch verurteilte sie über die Schweizer Regierung den Einsatz der Atombomben als Verstoß gegen das Völkerrecht mit der Begründung, dass dieser grausamer sei als der Einsatz von Giftgas.

    Die japanische Regierung berief sich auf Bestimmungen der 1907 in Den Haag unterzeichneten Konvention (IV) betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs, um die Atombombenabwürfe zu kritisieren. Der Anhang zu den „Bestimmungen über die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges” des Abkommens besagt in Artikel 22, dass „das Recht der Kriegführenden, Mittel zum Schaden des Feindes einzusetzen, nicht unbegrenzt ist”. Artikel 23 besagt, dass es verboten ist, Waffen, Geschosse oder Materialien einzusetzen, die unnötiges Leiden verursachen. Unter Berufung auf diese Bestimmungen verurteilte die japanische Regierung die Vereinigten Staaten mit den Worten: „Diese Bomben, die die Vereinigten Staaten kürzlich eingesetzt haben, übertreffen Giftgas und alle anderen Waffen, die aufgrund ihrer wahllosen und grausamen Wirkung verboten sind“, und forderte sie nachdrücklich auf, den Einsatz solcher brutalen Waffen unverzüglich einzustellen.

    Als die Besetzung Japans durch die Alliierten begann, berichteten die Medien über die Tatsache, dass die Menschen auch einen Monat nach den Bombenabwürfen noch litten und starben. Die Menschen mussten mit „unnötigem Leiden” kämpfen, das gegen das Völkerrecht verstieß.1

    Der australische Journalist Wilfred Burchett schrieb am 5. September 1945 einen Artikel mit dem Titel „The Atomic Plague” (Die atomare Plage) im London Daily Express. Er schrieb Folgendes: „In Hiroshima, 30 Tage nachdem die erste Atombombe die Stadt zerstört und die Welt erschüttert hatte, sterben immer noch Menschen auf mysteriöse und schreckliche Weise – Menschen, die bei der Katastrophe unverletzt geblieben waren – an etwas Unbekanntem, das ich nur als atomare Pest beschreiben kann.”2

    Brigadegeneral T.F. Farrell, stellvertretender Militärkommandant des Manhattan-Projekts, reagierte auf die Medienberichterstattung bei einer Pressekonferenz in Tokio am 12. September 1945. Die New York Times veröffentlichte am 13. September 1945 einen Artikel mit der Überschrift „Keine Radioaktivität in den Trümmern von Hiroshima”. Darin hieß es, Farrell habe „heute Abend nach einer Untersuchung des zerstörten Hiroshima berichtet, dass die Sprengkraft der Geheimwaffe größer war, als ihre Erfinder erwartet hatten, aber er habe kategorisch bestritten, dass sie eine gefährliche, anhaltende Radioaktivität in den Trümmern der Stadt verursacht oder zum Zeitpunkt der Explosion eine Art Giftgas erzeugt habe”.3

    Farrell äußerte sich auf dieser Pressekonferenz unter dem Einfluss von Stafford Warren, dem Leiter der medizinischen Abteilung des Manhattan-Projekts, der die Auswirkungen der Strahlenbelastung untersucht und das Ausmaß der radioaktiven Kontamination des Gebiets der Atombombenabwürfe abgeschätzt hatte. In seinem Kommentar zu den geschätzten Auswirkungen des Bombenabwurfs sagte Warren, dass eine Explosion einer Atombombe in der Luft, wie die Bomben, die auf zwei japanische Städte abgeworfen wurden, zerstörerische Druckwellen verursachen würde und dass Druckwellen sowie Gamma- und Neutronenstrahlen tödliche Auswirkungen hätten.  Er sagte auch, dass gefährliche spaltbare Materialien in die Substratosphäre aufgestiegen seien und durch den Wind verteilt worden seien.  Seine Schlussfolgerung lautete, dass die Menschen in ihre Häuser zurückkehren könnten, da die Stadt nicht mit gefährlichen Substanzen kontaminiert sei.4

    Warren hatte Farrell diesen Standpunkt bereits im September 1945 dargelegt.  Aber seine Aussage war falsch.  Nach zahlreichen Aussagen von Überlebenden der Atombombe in gemeinsamen Klagen wurden ihre Gesundheitsprobleme durch die Strahlenbelastung durch die Reststrahlung der Atombombe verursacht.

    In den frühen 1950er Jahren befragte die US-amerikanische Atomic Bomb Casualty Commission (ABCC, auf Deutsch: Kommission zur Untersuchung der Atombombenopfer) Menschen, die nach den Atombombenabwürfen in die Städte gekommen waren.  Dieses Projekt wurde jedoch 1953 ohne ausreichende Forschungsergebnisse eingestellt.5  Die US-Regierung leugnete weiterhin die Auswirkungen der Restradioaktivität oder der inneren Strahlenbelastung oder spielte sie herunter. Aus relevanten US-Dokumenten geht nun jedoch klar hervor, dass die offizielle Sichtweise der US-Regierung keine Glaubwürdigkeit besitzt.

    Die Frage ist hier, warum die US-Regierung die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki sowie der Marshallinseln befragt hat, obwohl sie offiziell die Auswirkungen der Strahlenbelastung unterschätzt hatte.

    Der Grund dafür war, dass die USA Daten sammeln wollten, die im Falle eines Dritten Weltkriegs nützlich sein könnten. Oberst A. W. Oughterson vom Sanitätskorps der US-Armee im Pazifikraum beschrieb die Bedeutung der „Studie über die durch den Einsatz von Atombomben verursachten Opferzahlen” in einem Brief, den er am 28. August 1945 an Guy Denit sandte. Er sagte, dass eine Untersuchung der Auswirkungen der beiden in Japan eingesetzten Atombomben für unser Land (die Vereinigten Staaten) sehr wichtig sei.  Er sagte auch, dass sich eine solche einmalige Gelegenheit bis zum nächsten Weltkrieg möglicherweise nicht wieder bieten würde.6  Im Juni 1950 gab die US-Atomenergiebehörde (AEC) bekannt, dass die ABCC die Untersuchung der japanischen Atombombenüberlebenden, nämlich der Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, fortsetzen würde.

    Es hieß: „Die japanischen Überlebenden sind die einzige Gruppe von Menschen auf der Welt, die einer Atombombenexplosion ausgesetzt waren. Aus diesem Grund haben die medizinischen Erkenntnisse der ABCC eine wichtige Bedeutung für Wissenschaftler und für die militärische und zivile Verteidigungsplanung in den Vereinigten Staaten.“7 Diese Aussage machte deutlich, wie wichtig die Strahlenwirkungsforschung für die militärische und zivile Verteidigung in den Vereinigten Staaten war. Tatsächlich hieß es in einer Broschüre, die im Rahmen des Zivilschutzprojekts verteilt wurde, dass die Überlebenschancen bei einem Atomangriff höher seien als man denke, da die Sprengkraft der Bomben begrenzt sei, und verwies darauf, dass etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Umkreis von einer Meile (1,6 km) um das Epizentrum in Hiroshima noch am Leben sei. Es wurde sogar argumentiert, dass die Strahlung von Atombomben nicht so schrecklich sei wie die Explosionen oder die Hitze, außer bei Explosionen unter Wasser oder am Boden, und dass die Gefahr einer ersten Strahlenexposition nur eine Minute lang bestehe.  Es ist erschreckend, dass diese Broschüre die Tatsache hervorhob, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einem bestimmten Gebiet überlebte, anstatt darauf hinzuweisen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung starb. In ihrer Propagandakampagne ignorierten die USA völlig die Auswirkungen der Reststrahlung, die eine Minute nach der Detonation freigesetzt wurde.

    Die US-Regierung vertuschte die radioaktive Kontamination, während sie nach der Aufdeckung der massiven radioaktiven Auswirkungen auf die Besatzung des Thunfischerbootes Daigo Fukuryu Maru durch den radioaktiven Niederschlag, der durch ein Wasserstoffbomben-Experiment am 1. März 1954 auf dem Bikini-Atoll ausgelöst wurde, eine gründliche Untersuchung der Menschen auf den Marshallinseln und des US-Militärpersonals durchführte.  Die US-Regierung startete im Mai 1954 ein weiteres Atomtestprogramm am Testgelände in Nevada zu Zivilschutzzwecken und lud Zivilisten und Medienvertreter ein. Anschließend startete sie eine neue Propagandakampagne, in der sie die Bürger aufforderte, Atombunker für den Fall eines radioaktiven Niederschlags zu kaufen.8

    Im Jahr 1957 richtete US-Präsident Dwight Eisenhower seinen wissenschaftlichen Beirat ein, bekannt als Gaither-Panel, um den Bau von Atombunkern für den Fall eines radioaktiven Niederschlags zu prüfen. Am 7. November 1957 legte das Gremium dem Präsidenten einen geheimen Bericht mit dem Titel „Abschreckung und Überleben im Atomzeitalter” vor. Darin wurde die Bereitstellung von 22,5 Milliarden Dollar für den Bau neuer Atombunker empfohlen. Eisenhower erklärte, er werde die Schätzungen des Berichts nicht veröffentlichen, da er eine Panik in der Bevölkerung befürchtete. Vizepräsident Richard Nixon argumentierte, dass die Sicherheit der USA nicht von der Zivilverteidigung abhänge, sondern von einer aktiven Verteidigung durch nukleare Abschreckung, und sagte, dass es aus Sicht des Überlebens der Nation keinen Unterschied zwischen 30 Millionen Toten und 50 Millionen Toten gebe.  Sie wussten, dass es keine Möglichkeit gab, die Bürger zu schützen, wenn ein Atomkrieg ausbrach. Deshalb plädierten sie vehement für „nukleare Abschreckung”, die durch Drohungen einen Atomkrieg verhindern sollte.10 Dies ist die Vorstellung, dass Atomwaffen aufgrund ihrer bedeutenden Rolle als Abschreckungsmittel als Trumpfkarte in der internationalen Politik eingesetzt werden könnten. Ich glaube jedoch, dass solche Rhetorik, die verbreitet wurde, das eigentliche Problem ist und nicht die Verbreitung von Atomwaffen selbst.

    Die Politik, sich auf den nuklearen Schutzschild zu verlassen, die Theorie der nuklearen Abschreckung und die Nutzung der Kernenergie dienen als Quellen für pro-nukleare Vorstellungen. Daher wurden viele Opfer von Atomwaffen aus der Öffentlichkeit ferngehalten. Dies wurde dadurch ermöglicht, dass die US-Regierung, die Atombomben entwickelt und eingesetzt hat, nicht nur mit diesen „Erfolgen“ prahlte, sondern es auch schaffte, ihre brutalen Auswirkungen und Schäden zu vertuschen, was eindeutig gegen das Völkerrecht verstößt.

    Der Einfluss von Atomwaffen oder Strahlungseffekten wurde unterschätzt und von Politikern und Wissenschaftlern propagiert, die an der Entwicklung von Atomwaffen oder an Strahlenexperimenten am Menschen zur Entwicklung von Strahlungswaffen beteiligt waren. Um einen ersten bescheidenen Schritt in Richtung Abschaffung von Atomwaffen zu machen, ist es wichtig, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass  Atomwaffen nicht nur eine zerstörerische Kraft oder ein politisches Druckmittel sind, um die Gegenseite zu bedrohen, sondern dass sie wahllos tragische Folgen haben, insbesondere für Kinder im Wachstum und ungeborene Kinder.

    _______________________________________

    *Gastwissenschaftlerin am Internationalen Friedensforschungsinstitut der Meiji-Gakuin-Universität und Teilzeitforscherin am Japanischen Rechtsinstitut der Universität Nagoya. Der Artikel ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen der Vortragsreihe „Die Geschichte der radioaktiven Belastung und die Beziehungen zwischen den USA und Japan” anlässlich der „Symposiumsreihe zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und zum 50. Jahrestag des Wahlrechtsgesetzes” am 4. Juli 2015 an der Nanzan-Universität gehalten wurde. Ich möchte mich ganz herzlich für die fruchtbaren Kommentare von Professor Kawashima Masaki und Professor Fujimoto Hiroshi sowie den Teilnehmern des Symposiums bedanken. Mein Dank gilt auch Professor Kawashima, Professor Fujimoto und den Mitarbeitern des American Center der Nanzan-Universität für ihre Einladung und ihre herzliche Gastfreundschaft.

    1. Diese Erklärung der japanischen Regierung wurde in Hiroshima ken, Hiroshima Shi veröffentlicht: Genbakushiryohen, (Hiroshimaken, 1972) 723–724.

     2. Daily Express, 5. September 1945.

     3. The New York Times, 13. September 1945.

    4. Stafford Warrens Ansicht zur Atombombe kommt deutlich auf der Rückseite des Titelblatts von  Medical Radiography and Photography, New York: Eastman Kodak Company Rochester, Band 24 Nr. 2, 1948, zum Ausdruck.

    5. Takahashi Hiroko, „Eine Minute nach der Detonation der Atombombe: Die ausgelöschten Auswirkungen der Reststrahlung“, Historia Scientiarum Band 19-2, 2009

    6. Brief von Oberst A. W. Oughterson, Sanitätskorps, US-Armee, Pazifik, an Guy Denit vom 28. August 1945, erschienen in Averill A. Lievow, „Saigaitono Sougu: Hiroshima no Igaku Nikki, 1945”, Hiroshima Igaku, 20, Nr. 2・3, 1967, 92–93.

    7. „Atomic Bomb Casualties Commission to Continue Studies of Japanese Atomic Bomb Survivors”, (Die Kommission für die japanischen Überlebenden der Atombombe). Aufzeichnungen des Amtes für öffentliche Information, Kopien von Reden von AEC-Beamten, 1947–1974, (Juni 1950), National Archives at College Park, Eintrag 24, Record Group 326

    8. Ebd.

    9. Guy Oaks, The Imaginary War: Civil Defense and American Cold War Culture  (Der imaginäre Krieg: Zivilschutz und amerikanische Kultur des Kalten Krieges) (New York: Oxford University Press, 1994), 166–167.

    10. NSC 5807/1, „Maßnahmen zur Umsetzung des Konzepts der Schutzräume“, 2. April 1958

    • Dieser Text ist eine Übersetzung aus dem Englischen des wissenschaftlichen Papiers : TAKAHASHI, Hiroko. « The History of Radioactive Exposure and U.S.-Japanese Relation », Nanzan Review of American Studies, vol.38, pp.135-138, 2016

    „Keine Radioaktivität in Hiroshima“

    Die Leugnung der Reststrahlung und ihre Folgen

    Die ersten Auswirkungen einer Atombombenexplosion sind bekannt: ein heller Blitz, eine Hitzewelle und eine Schockwelle. Die Detonation erzeugt auch Initialstrahlung: einen Strom von Gammastrahlen und Neutronen. Diese Strahlen durchdringen die meisten Materialien, einschließlich des menschlichen Körpers, und schädigen Zellen und Organe. Diese Ausbreitung radioaktiver Strahlung dauert weniger als eine Minute.

    Tatsächlich waren viele Opfer aber auch Reststrahlung ausgesetzt, die im Gegensatz zur Initialstrahlung hauptsächlich auf den Niederschlag radioaktiver Stoffe in Form von Partikeln zurückzuführen war. Diese Partikel steigen zunächst im Atompilz auf und fallen, während sich die Wolke unter dem Einfluss des Windes ausbreitet, in Form von Regen und Schnee auf die Erde zurück. Im Gegensatz zu Gamma- und Neutronenstrahlung bleiben diese Partikel einige Tage, Wochen oder sogar Hunderttausende von Jahren radioaktiv. Sie können durch Einatmen und Nahrungsaufnahme in den Körper gelangen und dort oft lange Zeit verbleiben. Da es sich um chemische Stoffe handelt, werden sie vom Körper verwertet und gebunden: Jod-131 in der Schilddrüse, Strontium-90 in Knochen und Zähnen usw. Diese Partikel strahlen permanent auf die sie umgebenden Zellen. Forscher der Universität Nagasaki, die Autoradiographien[1] an 70 Jahre alten Proben von Opfern der Atombombe von Nagasaki durchgeführt haben, konnten Alpha-Strahlung nachweisen und damit einen Beweis für die interne Exposition[2] liefern.

    www.cell.com/heliyon/fulltext/S2405-8440(18)31775-4

    Unmittelbar nach den Angriffen mit Atombomben verurteilte die japanische Regierung einen Verstoß gegen das Völkerrecht. Sie stützte sich dabei auf die 1907 in Den Haag unterzeichnete Konvention (IV) über die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges, insbesondere auf Artikel 22 des Anhangs, der besagt, dass die Kriegführenden kein uneingeschränktes Recht haben, die Mittel zur Bekämpfung des Feindes zu wählen, und auf Artikel 23, in dem es heißt: Neben den durch besondere Übereinkommen festgelegten Verbote ist insbesondere Folgendes verboten: (e) den Einsatz von Waffen, Geschossen oder Materialien, die unnötiges Leiden verursachen können.[3]

    Wilfred Burchett, der erste westliche Journalist, der nach dem Bombenangriff nach Hiroshima kam, veröffentlichte am 5. September 1945 im London Daily Express einen Bericht mit dem Titel „DIE ATOMARE PLAGE”. Er schrieb: „In Hiroshima, 30 Tage nachdem die erste Atombombe die Stadt zerstört und die Welt erschüttert hat, sterben Menschen – die bei der Katastrophe nicht verletzt wurden – immer noch auf mysteriöse und schreckliche Weise an etwas Unbekanntem, das ich nur als atomare Plage beschreiben kann. (…) Viele Menschen erlitten nur leichte Schnittwunden durch Ziegel- oder Stahlsplitter. Sie hätten sich schnell erholen müssen. Aber das ist nicht der Fall. Sie entwickelten eine akute Krankheit. Ihr Zahnfleisch begann zu bluten. Dann erbrachen sie Blut. Schließlich starben sie.”[4]

    antinuclear.net/2023/08/06/wilfred-burchett-the-atomic-plague/

    Die Reaktionen der amerikanischen Behörden ließen nicht lange auf sich warten. Am 6. September 1945 leugnete Brigadegeneral Thomas F. Farrell, stellvertretender Leiter des Manhattan-Projekts, auf einer Pressekonferenz in Tokio „kategorisch, dass die Atombombe gefährliche und anhaltende Radioaktivität in den Trümmern der Stadt verursacht oder zum Zeitpunkt der Explosion giftige Gase freigesetzt habe [5]” und erklärte, dass „die Menschen, die sterben mussten, bereits gestorben sind. Niemand leidet unter den Auswirkungen der Strahlung [6]”. Am 13. September 1945 veröffentlichte die New York Times einen Artikel mit dem Titel „Keine Radioaktivität in Hiroshima”. Captain Stafford Warren, Leiter der medizinischen Abteilung des Manhattan-Projekts, erklärte, dass bei der Explosion der Atombombe in großer Höhe radioaktives Material über eine große Entfernung verteilt wurde, sodass die Gefahr einer Restradioaktivität nicht mehr bestand. Dies ist die offizielle Position der US-Regierung. Am 14. September 1945 forderte Präsident Truman die amerikanische Presse auf, ihre Berichterstattung über die Atombombe einzuschränken. Ab dem 19. September wurden die japanischen Medien[7] einer Informationskontrolle unterworfen. Die US-Regierung versuchte somit, eine Anklage wegen Verstoßes gegen das Völkerrecht zu vermeiden, indem sie die Auswirkungen der Restradioaktivität leugnete, um die Möglichkeit eines künftigen Einsatzes von Atombomben aufrechtzuerhalten.

    Die Schlüsselfigur hier war Stafford Warren, der Chefarzt des Manhattan-Projekts. 1944 kam das von ihm geleitete medizinische Team dieses Projekts zu dem Schluss, dass Experimente am Menschen notwendig seien, um die mit Strahlung verbundenen Risiken zu untersuchen. Sie entwickelten einen Plan, der vorsah, zivilen Patienten auf amerikanischem Gebiet radioaktive Elemente, insbesondere Plutonium und Uran, zu injizieren. Dieser Plan wurde zwischen April 1945 und Juli 1947 ohne Zustimmung der Betroffenen an 18 Personen durchgeführt[8]. Warren war daher gut informiert über die Gesundheitsrisiken radioaktiver Stoffe, sobald sie sich im menschlichen Körper befinden. Die Leugnung der Restradioaktivität und damit der inneren Strahlenbelastung war ein Akt der Desinformation zu militärischen Zwecken.

    Das Überwachungsteam des Manhattan-Projekts in Nagasaki, Oktober 1945. Warren hält die Puppe in den Händen, die ihm vom japanischen Ärzteteam geschenkt wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/Stafford_L._Warren

    Die USA gründeten 1947 in Hiroshima und 1948 in Nagasaki die ABCC [9], um eine epidemiologische Studie über die Überlebenden der Atombombe durchzuführen. 1950 richtete die ABCC das LSS[10] ein, ein Langzeitforschungsprogramm. Es ist wichtig anzumerken, dass die Studie erst 1950 begann, also nachdem die Opfer mit der höchsten Strahlenbelastung größtenteils verstorben waren.

    Atomic Bomb Casualty Commission (ABCC) circa 1955
    https://en.wikipedia.org/wiki/Atomic_Bomb_Casualty_Commission

    Das LSS wurde unter der Schirmherrschaft der ABCC bis 1975 fortgesetzt, dem Jahr, in dem es durch das Programm der RERF-Stiftung[11] ersetzt wurde, das gemeinsam von Japan und den USA geleitet wurde. Das Programm läuft noch immer. Es hat etwa 120.000 Menschen aus Hiroshima und Nagasaki begleitet. Diese Zahl umfasst die Überlebenden (93.000 im Jahr 1950) und eine Kontrollgruppe (27.000), von der man damals annahm, dass ihre Mitglieder nicht der unmittelbaren Strahlung durch die Atomexplosionen ausgesetzt waren. Anhand der Daten aus den ersten Befragungen und den Folgeuntersuchungen konnten die Zusammenhänge zwischen der Exposition gegenüber ionisierender Strahlung und verschiedenen gesundheitlichen Folgen untersucht werden.

    Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dieser Datensatz in mehrfacher Hinsicht Einschränkungen unterliegt. Insbesondere konzentrierte sich das LSS auf die Erfassung von Daten zu Schäden durch externe Exposition aufgrund von Gamma- und Neutronenstrahlung. Die innere Verstrahlung wurde nicht berücksichtigt. In den 1950er Jahren war es nämlich noch nicht möglich, das Vorhandensein radioaktiver Partikel im menschlichen Körper und deren Menge nachzuweisen. Darüber hinaus war es in der katastrophalen Situation nach der Explosion nahezu unmöglich, Informationen über die innere Verstrahlung der Opfer und ihren Gesundheitszustand zu sammeln.

    All diese Umstände haben dazu geführt, dass die Frage der Gesundheitsrisiken durch innere Verstrahlung in der Geschichte ausgeblendet wurde, obwohl das LSS nach wie vor eine wichtige Quelle für epidemiologische Daten ist, insbesondere für die UNSCEAR[12], deren Schätzungen von den wichtigsten internationalen Organisationen, darunter die ICRP, die IAEO und die WHO, verwendet werden.

    Derzeit trägt diese Verschleierung dazu bei, dass Evakuierungszonen ausschließlich auf der Grundlage der Umgebungsradioaktivität festgelegt werden, insbesondere nach dem Reaktorunfall von Fukushima Daiichi[13], ohne die Risiken einer inneren Strahlenbelastung zu berücksichtigen, und dass eine große Zahl von Opfern der Atomkatastrophe vom offiziellen Anerkennungs- und Hilfssystem ausgeschlossen wird. Unter Berufung auf die individuelle Widerstandsfähigkeit, die die öffentlichen Behörden von ihrer Verantwortung entbindet, geht der Trend eher dahin, die Evakuierungszonen zu verkleinern und die Vorstellung von der Unbedenklichkeit der Strahlung zu verbreiten.

    [1]  Die Autoradiographie ist eine Sichtbarmachung einer radioaktiven Quelle innerhalb des untersuchten Objekts, und nicht mit einer externen Quelle, durchgeführt wird (siehe: Autoradiographie – Wikipedia)

    [2] SHICHIJO, Kazuko et al., « Autoradiographic analysis of internal plutonium radiation exposure in Nagasaki atomic bomb victims », HeliyonVolume 4, Issue 6, e00666, June 2018

    [3] https://ihl-databases.icrc.org/fr/ihl-treaties/hague-conv-iv-1907/regulations-art-23

    [4] https://antinuclear.net/2023/08/06/wilfred-burchett-the-atomic-plague/

    [5] Zitat des Buchkritiks “Classified Hiroshima and Nagasaki: The U.S. Nuclear Test and Civil Defense Program” (Gaifusha, 2008) de Hiroko TAKAHASHI.
    https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1215/s12280-009-9074-9

    [6] “People who were supposed to die, have already died. There is nobody who is suffering from the radiation”, cité dans, KIMURA, Akira, TAKAHASHI, Hiroko. Kaku no Sengo shi (L’histoire nucléaire de l’après-guerre), Sogensha, 2016

    [7] https://jahis.law.nagoya-u.ac.jp/scapindb/docs/scapin-33

    [8] Plutonium filesAmerica’s Secret Medical Experiments in the Cold War, par Eileen Welsome, The Dial Press, 1999

    [9] Atomic Bomb Casualty Commission (Kommission zur Untersuchung der Atombombenopfer)

    [10] Life Span Study (LSS)  – Lebensspannenstudie 

    [11] Radiation Effects Research Foundation (Strahleneffekte-Forschungsstiftung)

    Literaturhinweise:

    JACOBS, Robert. « Global hibakusha », Asia-Pacific Journal, Japan Focus, Volume 20, Issue 7, Number 1, 2022

    Ditto; Nuclear Bodies: The Global Hibakusha has just been released, Yale University Press, 2022

    KIMURA, Akira, TAKAHASHI, Hiroko. Kaku no Sengo shi (L’histoire nucléaire de l’après-guerre), Sogensha, 2016

    NICOLS, Amanda M., OLSON, Mary. Gender and Ionizing Radiation : Towards a New Research Agenda Addressing Disproportionate Harm, UNIDIR (L’Institut des Nations Unies pour la recherche sur le désarmement), 2024, https://unidir.org/wp-content/uploads/2024/11/Gender_and_ionizing_radiation_web.pdf

    OZAWA, Kotaro, GRAN, Eric J., KODAMA, Kasunori.  » Japanese Legacy Cohorts: The Life Span Study Atomic Bomb Survivor Cohort and Survivors’ Offspring », Journal of Epidemiology, 2018 Apr 5; 28(4): 162-169, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5865006/

    SHICHIJO, Kazuko et al. « Autoradiographic analysis of internal plutonium radiation exposure in Nagasaki atomic bomb victims », HeliyonVolume 4, Issue 6, e00666, June 2018

    TAKAHASHI, Hiroko. « The History of Radioactive Exposure and U.S.-Japanese Relation », Nanzan Review of American Studies, vol.38, pp.135-138, 2016

    WELSOME, Eileen. Plutonium filesAmerica’s Secret Medical Experiments in the Cold War, The Dial Press, 1999

    Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus dem Französischen: « Pas de radioactivité à Hiroshima » – Nos Voisins Lointains 3.11

    Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (August 2025)

    Der Kampf gegen Atomwaffen

    Rede von Prof. Hiroko TAKAHASHI am 9.8.2025

    ©Hiroko Takahashi

    In diesem Jahr jähren sich die Atombombenabwürfe der US-Regierung zum 80. Mal: am 6. August für Hiroshima und am 9. August für Nagasaki. Es ist heute wichtiger denn je, der Tatsache genau ins Gesicht zu sehen, dass diese Angriffe durch die Explosion, die Hitze und die Strahlung abscheuliche Schäden verursacht haben.

    Was geschah als Folge der Atombombenabwürfe? Bis heute ist die Realität der Nuklearkatastrophe nicht ausreichend als gemeinsame menschliche Erfahrung geteilt. Insbesondere die tatsächlichen Langzeitwirkungen des nuklearen Niederschlags auf Menschen und die Umwelt bleiben verschwiegen.

    Die Gründe dafür sind folgende: Erstens wurden die Informationen über die Auswirkungen der Atombombe von der US-Regierung während der Besatzung bis April 1952 kontrolliert. Zweitens werden wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen der Strahlung weiterhin als militärische Geheimnisse eingestuft. Und drittens hat die Regierung der USA nur über die Zerstörungskraft der Atombombe kommuniziert, aber auf Informationen verzichtet, die möglicherweise eine Verletzung des Völkerrechts darstellten. Unter diesen Umständen wurde die Hilfe und Unterstützung für Atombombenopfer sowohl auf internationaler Ebene als auch innerhalb Japans immer vernachlässigt.

    Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki erzeugten Druckwellen, Hitzestrahlen und Strahlung. Die in der ersten Minute nach der Explosion entstandene Strahlung wird als „Initialstrahlung“ bezeichnet, während die später entstandene Strahlung „Reststrahlung“ genannt wird. Wenn die radioaktiven Substanzen der Reststrahlung, die an Staub, Schmutz oder Regen gebunden über ein großes Gebiet herabfallen, heißt das Phänomen „radioaktiver Fallout“ (Niederschlag). Die bedeutenden und langanhaltenden Auswirkungen dieses radioaktiven Niederschlags wurden heruntergespielt, was dazu führte, dass die Pathologien der verstrahlten Überlebenden nicht anerkannt wurden.  Dies ist der Grund für den strukturellen und politischen Mangel an Maßnahmen zum Schutz und zur Prävention vor Strahlung. Und durch das Nicht-Beachten von verstrahlten Opfern entstehen immer mehr neue Opfer von Nuklearunfällen.

    Während der Zeit des Kalten Krieges zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR wurden die Opfer der Atombomben unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“ von den Regierungen vernachlässigt, aber eine Reihe von Journalisten, Wissenschaftlern, Intellektuellen und Bürgern haben sich in den letzten 80 Jahren auf unterschiedliche Weise engagiert, um die tatsächlichen Auswirkungen der Strahlung aufzuklären und den Opfern Hilfe zukommen zu lassen. In Frankreich etwa wurde der Spielfilm „Hiroshima mon amour“ vom Regisseur Alain Resnais und der Drehbuchautorin Marguerite Duras aus dem Jahr 1959 bekannt, in dem Bilder der verheerenden Folgen der Atombombe gezeigt wurden.

    Auch die Bewegungen von sogenannten „global Hibakusha“ (alle Strahlenopfer der Atomtests und der Atomunfälle, die der Arbeiter in den Uranminen, in den Kraftwerken und den Einrichtungen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle usw.) haben sich im Laufe dieser 80 Jahre vervielfacht und ausgeweitet, um nach mehr Rechte und Entschädigungen zu erkämpfen. Aber das bedeutete eben, dass ihnen keine Hilfe und kein Schutz gewährt worden wäre, wenn die Opfer nicht selbst geklagt hätten.

    So sind in Japan noch immer zivile Sammelverfahren anhängig: der Prozess um die Anerkennung der durch die Atombombe verursachten radioaktiven Strahlenkrankheiten, der Prozess der Opfer des „schwarzen Regens“ von Hiroshima, der Prozess der Opfer der amerikanischen Atomtests im Bikini-Atoll, der Prozess der Opfer von Nagasaki, die außerhalb der offiziell anerkannten Gebiete verstrahlt wurden, und etwa 30 Prozesse der Opfer des Atomunfalls in Fukushima. Dabei ist der direkt oder indirekt Angeklagte in all diesen Verfahren die japanische Regierung.

    Unmittelbar nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki protestierte die damalige japanische Regierung über die Schweizer Regierung gegen die USA und beschuldigte sie, gegen die Haager Konvention (1899) zu verstoßen, die den Einsatz von Waffen wie Giftgas oder solchen, die unnötiges Leid verursachen, verbietet. Dies war jedoch der einzige Protest der japanischen Regierung. Nach der Kapitulation, 80 Jahre lang und bis heute, haben die aufeinanderfolgenden japanischen Regierungen nie gegen die Atombombenabwürfe protestiert; stattdessen leugnen sie gemeinsam mit den USA die Gräueltaten der Atombomben.

    Die offizielle Position des japanischen Außenministeriums lautet: „Es sei notwendig, die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten zu erhalten, die im Besitz der Nuklearwaffen sind und die nach dem Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit mit unserem Land unsere Verbündeten sind“. Japan tritt auch nicht dem Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen bei, mit der Begründung, dass “der AVV keine Sicherheitsüberlegungen berücksichtigt. Wenn wir einem Vertrag beitreten würden, der Atomwaffen illegal macht, würde die Legitimität der nuklearen Abschreckung der USA zunichte gemacht und wir würden das Leben und das Eigentum der Japaner gefährden. Dies würde zu Problemen für die nationale Sicherheit führen”.

    Schlimmer noch, die japanische Regierung schließt sich der US-Regierung an in ihrer Verharmlosung und Verleugnung der Gräueltaten von Atomwaffen und der Auswirkungen von Reststrahlung, radioaktivem Niederschlag und innerer Verstrahlung. Man muss hinzufügen, dass trotz der seit langem bestehenden Feststellung, dass die Auswirkungen der Strahlenbelastung für heranwachsende Kinder viel schädlicher sind, die Auswirkungen von Radioaktivität auf Kinder, einschließlich derjenigen von Atomunfällen, verschwiegen wurden.

    Um diese Positionen der japanischen Regierung in zahlreichen Gerichtsverfahren zu widerlegen, habe ich einen Vortrag gehalten, der auf meinen historischen Recherchen beruht: Er zeigt auf, inwiefern Studien über die Auswirkungen von Strahlung auf Menschen gegen das medizinische Ethos verstoßen, da sie nicht durchgeführt wurden, um Leben zu retten, sondern um Atomkriege vorzubereiten oder Atomwaffen zu entwickeln. Es handelt sich hier um meinen Widerstand gegen das Argument, das Atombomben legitimiert, gegen die Theorie der nuklearen Abschreckung und gegen die Doktrin des „gerechten Krieges“. Es ist auch und vor allem ein Widerstand, um die Zukunft vor nuklearen Katastrophen zu schützen.

    Ich fordere deshalb alle auf, den Kampf gegen Atomwaffen zu verstärken: für das Recht zu kämpfen, nicht mit Atomwaffen anderen zu drohen, auch nicht von Atomwaffen bedroht zu werden; wir lehnen es ab, Angreifer oder Komplizen von nuklearen Katastrophen zu werden, ich rufe zum Widerstand auf, dass atomare Katastrophen jeglicher Art vertuscht, verheimlicht oder verschwiegen werden.

    Frau Takahashi (rechts) bei der Rede im Festival “Résistantes”

    TAKAHASHI, HIROKO: Professorin für Geschichte, Universität von Nara, Japan. Diese Rede wurde am 9 August 2025 im Rahmen des „Résistantes“-Festivals in Frankreich gehalten.

    Strafanklage gegen die ehemaligen TEPCO-Führunskräfte: Die Freisprechung vom Obersten Gerichtshof Japans bestätigt

    Am 6. März 2025 bestätigte der Oberste Gerichtshof Japans die Entscheidung des Gerichts einer unteren Instanz, das die ehemaligen Führungskräfte der Tokioter Elektrizitätsgesellschaft TEPCO nicht der beruflichen Fahrlässigkeit schuldig befunden hatte, und wies somit die Beschwerde der Klägergruppe zurück. Bei der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 war es zu Kernschmelzen im AKW Fukushima Dai-ichi gekommen, wodurch große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden.

    Am selben Tag hielten die Anwälte der Klägergruppe und deren Sprecherin Ruiko Muto eine Pressekonferenz ab. Hier ein Auszug aus ihrem Kommentar:

    „Der Staat und TEPCO waren sowohl vor dem Bezirksgericht als auch vor dem Obersten Gerichtshof freigesprochen worden. Deshalb hatten wir unsere letzten gebliebenen Hoffnungen auf das Ethos und den Gerechtigkeitssinn der Richter des Obersten Gerichtshofs als Ort der Gerechtigkeit gesetzt.

    Heute am 6.3.2025, kurz vor dem 11. März, dem Jahrestag von Fukushima, ist aber diese Entscheidung des Obersten Gerichtshofs gefallen. Ich habe bis heute 13 Jahre wie eine Verrückte mit der Vorbereitung für die Strafanzeige und den langwierigen Prozess verbracht. In dieser Zeit hat es mir kaum Zeit gelassen nachzudenken oder in Ruhe zurückzublicken. Dass die Justiz diese Entscheidung aber kurz vor dem 14. Jahrestag der Nuklearkatastrophe fällen musste, empfinde ich besonders ihre Grausamkeit und Gleichgültigkeit den Opfern gegenüber. Es ist nichts anderes als eine Kaltschnäuzigkeit, mit der sogar das Gericht die Opfer des Atomunfalls mit Füßen tritt. Sehr viele Betroffene und Opfer sind von diesem Urteil tiefst enttäuscht und wütend.

    Die Nuklearkatastrophe von Fukushima dauert noch immer an. Es empört mich vor allem, dass das Gericht dafür kein Verständnis gezeigt hat, wieviel Schäden durch diese Katastrophe entstanden sind, wie viele Menschenleben ruiniert worden sind, was für ein negatives Erbe diese künftigen Generationen hinterlassen hat. Wenn das Gericht die Geschäftsführung des Unternehmens, das einen gravierenden Atomunfall verursacht hat, nicht dafür verantwortlich macht, bedeutet gleichzeitig, dass eine nächste Nuklearkatastrophe möglich ist. Und ich finde es zutiefst enttäuschend, dass der Oberste Gerichtshof dies nicht verstanden hat.

    Nun haben wir keine Möglichkeit mehr, dieses Urteil juristisch anzufechten, aber wir können unmöglich mit diesem Urteil einverstanden sein. Heute kann ich nur so weit sagen: Wir werden dafür sorgen, dass die Verantwortungsfrage für diesen Atomunfall weiterhin in der Zukunft in vielerlei Hinsicht gestellt wird. Wir werden unsere Aktivitäten in diesem Bereich fortsetzen.“

    Aktuelle Lage in Fukushima – 14 Jahre nach der Nuklearkatastrophe

    Vor 14 Jahren ereignete sich eine Reihe zusammenhängender katastrophaler Unfälle und schwerer Störfälle im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi als Folge eines schweren Erdbebens und des darauffolgenden Tsunamis. Diese werden als Nuklearkatastrophe von Fukushima bezeichnet. Dabei kam es in den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 zu Kernschmelzen, wodurch große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden – und immer noch werden.

    Bis zu 150.000 Einwohner mussten infolgedessen zwangsevakuiert werden. Viele flohen auf eigene Faust, auch wenn die Evakuierungsanordnung in ihrem Gebiet nicht gegeben worden war.

    Der nukleare Notfall, der damals in der Region um das havarierte AKW erklärt wurde, ist noch immer nicht aufgehoben. Es gibt insgesamt sieben Gemeinden und Dörfer, in denen eine Rückführung schwierig ist und in denen die Evakuierungsanordnungen weiterhin bestehen.

    Dabei ist die Nuklearkatastrophe gar nicht vorbei. Radioaktive Materialien verseuchen nach wie vor die Luft und das Meer, auch die früheren bereits in der Gegend zerstreuten Fallouts strahlen weiter.

    In den Abklingbecken der Reaktoren 1 und 2 befinden sich noch abgebrannte Brennstäbe, die wegen hoher Strahlendosen vor Ort nicht entnommen werden können. Der Zustand der Reaktorgebäude und der Abklingbecken ist besorgniserregend. Falls es wieder ein starkes Erdbeben gibt, kann es erneut zu einer erheblichen Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umwelt kommen.

    Die japanische Regierung und die Betreiberfirma Tepco setzen indes ihren Kurs weiter fort, so zu tun, als wäre die Nuklearkatastrophe unter Kontrolle und weitestgehend vorbei. Dafür scheuen sie keine Mittel und investieren sehr viel Geld in Propaganda-Kampagnen und -Projekte, anstatt Bewohnern tatkräftig zu helfen, um ihnen die Angst vor gesundheitlichen Folgen wegen der Strahlung zu nehmen oder die Geflüchteten weiterhin mit Wohnbeihilfen zu unterstützen.

    Um die sichtbaren Beweise der Katastrophe unsichtbar zu machen, werden zum Beispiel die radioaktiven Materialien zerstreut: Im August 2023 hat man mit der Verklappung des verseuchten Wassers ins Meer begonnen, um die Zahl der Tanks auf dem Gelände des AKW Fukushima Daiichi zu reduzieren. Als nächstes wollen sie die bei den Dekontaminierungsarbeiten abgetragene und in Plastiksäcken gestapelte Erde als „Recyclingsmaterial“ überall im Land verstreuen. Sie ignorieren die Gefahr der Strahlenbelastung von Niedrigdosen und somit die Grundsätze der Vorsorge und Vorbeugung.

    Seit 2011 lässt die Präfektur Fukushima die Medizinische Universität von Fukushima in regelmäßigen Abständen die Schilddrüsen von Menschen untersuchen, die zum Zeitpunkt des Super-GAUs in der Präfektur lebten und unter 18 Jahre alt waren. Ursprünglich waren es 368.000 und in den ersten Jahren hat man ca. 82% von diesen Kindern und Jugendlichen untersucht. Nach der initialen Reihenuntersuchung zwischen 2011 und 2014 fanden alle zwei Jahre Nachuntersuchungen statt.

    Insgesamt hat es seit der Nuklearkatastrophe 350 Schilddrüsenkrebsfälle und Verdachtsfälle gegeben, darüber hinaus gibt es 47 weitere, die im Krebsregister registriert wurden, also zählte man insgesamt 397 Menschen unter den damals bis 18-Jährigen, die seit der Katastrophe an Krebs erkrankt sind oder mit Verdacht auf Krebs. Diese Art organisierte Großuntersuchungen von Schilddrüsen werden nur denjenigen angeboten, die im Zeitpunkt des Unfalls unter 18 Jahren waren und in der Präfektur von Fukushima gelebt haben, aber nicht den anderen, die außerhalb Fukushima wohnten oder älter sind. Außerdem wird die Beteiligung an der Untersuchung jedes Mal kleiner, weil die Untersuchungen nicht mehr an Schulen angeboten werden mit dem Argument, es gebe ein Recht auf Nicht-wissen oder Nachteile wegen der Untersuchungen. In der obigen Tabelle sehen die Zahlen auf dem ersten Blick so aus, als würden die Krebsfälle jedes Mal weniger, aber wenn man die Beteiligungsquote an der Untersuchung berücksichtigt, sind die Krebsraten gestiegen.

    Am 18. Februar 2025 hat die japanische Regierung den 7. Strategieplan für Energietechnologie verabschiedet, der für die Energiepolitik der nächsten Jahre maßgebend sein soll. Aus diesem Plan ist die Formulierung „die Abhängigkeit von der Atomenergie verringern“, was immerhin in der bisherigen Energiepolitik als Richtlinie galt, ganz gestrichen worden. Stattdessen steht die Rückkehr zur Atomkraft groß in dem Programm. Japan, das Land, das vor 14 Jahren den schlimmsten Reaktorunfall erlebt hat, setzt wieder offiziell auf Atomenergie, während die Katastrophe von Fukushima noch immer andauert.


    Im November 2024 hat Tepco medienwirksam mitgeteilt, dass es ihnen gelungen sei, 0,7 Gramm von abgeschmolzenen Brennstäben aus dem havarierten Reaktor 2 zu entnehmen. Allerdings handelte es sich um eine äußerst winzige Menge an den abgeschmolzenen Brennstäben vom Reaktor 2, während es insgesamt 880 Tonnen davon geben soll. Da die Strahlungsdosen sehr hoch sind an jedem havarierten Sicherheitsbehälter, muss man die Bergungsarbeiten mit Hilfe eines Roboterarms durchführen. Aber die Entwicklung kam nicht voran, wie Tepco es sich vorgestellt hatte. Schließlich hat man sich für einen ferngesteuerten Teleskoparm mit Greifwerkzeug entschieden, den man bereits bei anderen Operationen vor Ort eingesetzt hatte. Und es war vor allem nicht klar, weshalb Tepco sich bei der Entnahme von abgeschmolzenen Brennstäben so beeilen will, obwohl die Arbeitsbedingungen wegen hoher Strahlungsdosen trotz der Fernbedienung für jeden Arbeiter extrem gefährlich sind. Bei der Operation hatte es mehrere vorangegangene Misserfolge gegeben, und man erfuhr immer wieder, wie Tepco auch hier verantwortungslos mit riskanten Arbeiten umgegangen war: Die Betreiberfirma des havarierten AKW Fukushima hatte an allen komplexen und völlig neuen Arbeitsprozessen, bei denen man zum ersten Mal versuchte, abgeschmolzene Brennstäbe zu entnehmen, kein einziges Mal als Aufsicht teilgenommen, während sie alle Arbeitsschritte an Subunternehmern komplett ausgelagert hatten.

    Zusammengefasst: Yu Kajikawa (Sayonara Nukes Berlin), stand: 27.02.2025

    Dokumentarfilm „Silent Fallout“ (Leiser Fallout, mit deutschem Untertitel)von Hideaki ITO aus Japan anlässlich des 80. Jahrestag von Hiroshima und Nagasaki

    Im August 2025 jähren sich die ersten Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 80. Mal.


    Leider ist die Welt die Angst vor dem Atomkrieg nicht losgeworden, vielmehr ist die Bedrohung heute stärker denn je. Und ohne den Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg gibt es seit der Entdeckung der Kernspaltung und der ersten nuklearen Kettenreaktionen überall auf der Erde Strahlenopfer – sei es von Atomtests, von Atomkraftwerken oder vom Uranabbau. Man übersieht meistens die Tatsache, dass man selbst betroffen ist.

    Gerade jetzt, wo die Gefahr eines Atomkriegs wieder hoch aktuell geworden ist wie noch nie, ist es von großer Wichtigkeit, uns nochmals bewusst zu machen, was radioaktive Strahlen anrichten können. Um das Thema – anlässlich des 80. Jahrestag von Hiroshima und Nagasaki – stärker ins Blickfeld zu rücken, schlagen wir Sayonara Nukes Berlin (nachfolgend „SNB“), vor, gemeinsam mit euch eine Filmvorführung zu veranstalten, bei der ein besonderer Dokumentarfilm gezeigt wird, der nun mit deutschen Untertiteln verfügbar ist.


    Der Film vom japanischen Filmemacher ITO Hideaki „Silent Fallout“ (Leiser Fallout) taucht tief in die unerzählten Geschichten der Opfer von Atomtests in Amerika ein. 1951 begannen die USA mit Atomwaffentests auf dem Festland und setzten unzählige Bürger einer gefährlichen Strahlung aus. Mary Dickson, die in den 1950er und 1960er Jahren in einem Vorort von Utah aufwuchs, wurde Zeugin, wie ihre Mitschüler in der Grundschule an ungewöhnlichen Krankheiten und Todesfällen starben. Gleichzeitig führte Dr. Louise Reiss in St. Louis, Missouri, eine bahnbrechende Studie durch, bei der sie Milchzähne sammelte und das Vorhandensein von Strontium-90, einem radioaktiven Element, in den Körpern von Kindern nachwies, die der Strahlung in ganz Amerika ausgesetzt waren. Dies veranlasste schließlich Präsident Kennedy zu dem Beschluss, die atmosphärischen Atomtests einzustellen.

    Mit Berichten von Betroffenen aus erster Hand und Interviews mit Wissenschaftlern will Filmemacher Ito mit seinem Film das Bewusstsein für das gravierende Problem der Strahlenvergiftung und der nuklearen Verseuchung in den USA und weltweit schärfen. „Silent Fallout“, der die wahre Dimension der weltweiten radioaktiven Verseuchung, insbesondere durch Tests im Pazifischen Ozean und in Russland, aufzeigt, ist ein Muss für jeden, der sich für die dunklen Kapitel der Geschichte und ihre anhaltenden Auswirkungen in der heutigen Zeit interessiert, und bietet eine Fülle wissenschaftlicher und historischer Informationen sowie Berichte der Opfer aus erster Hand. Der gut geschnittene Film hat die Qualität eines guten Erzählfilms und ist ein wirkungsvolles pädagogisches Instrument.


    Der Filmemacher Ito verzichtet bewusst auf feste Vorführgebühren, damit möglichst viele Menschen diesen Film anschauen können, aber freut sich über jede Spende von Zuschauergästen und/oder Organisationen, die die Filmvorstellung organisieren. Der Film ist auf Englisch mit deutschen Untertiteln, und ist 70 Minuten lang.


    Nach der Vorstellung kann man entweder per Skype oder direkt ein Gespräch mit dem Regisseur (SNB stellt eine Dolmetscherin zur Verfügung) anbieten. Herr Ito plant, im September/Oktober eine Filmvorstellungstour durch Frankreich zu machen und könnte je nach Bedarf und Einladung auch nach Deutschland kommen.


    Wir würden uns sehr freuen, wenn möglichst viele Menschen in Deutschland die Gelegenheit bekämen, diesen beeindruckenden Film anzuschauen.


    Filmvorführungen können auch in kleineren Rahmen veranstaltet werden, d.h. der Film darf überall, egal in kleineren Gruppen von Menschen, oder in Kinos, Theatern, Universitäten, Schulen, Vereinen oder Firmen gezeigt werden.


    Bei Interesse schreibt eine Mail an:
    Silent Fallout promotion team in Europa: (SilentFallout_projection_eu@protonmail.com )

    Filmemacher Hideaki ITO:
    Geboren 1960 in Japan. Seit 1990er Jahren ist er als Filmemacher tätig. 2004 fing er an, über die Fischerboote Japans zu berichten, die 1954 im Pazifik verstrahlt worden waren im Zuge der Atomtests durch die USA im Bikini Atoll, und seitdem setzt er sich mit dem Thema Strahlenopfer auseinander. Der Dokumentarfilm „Silent Fallout“ aus dem Jahr 2022 ist sein dritter Film über dieses Thema. Er wurde in den USA erstmal beim Hampton International Film Festival gezeigt und bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

    Protest gegen Einleitung von Fukushima-radioaktivem Abwasser ins Meer

    Sayonara Nukes Berlin und Yosomono-net haben gemeinsam ein Protestschreiben veröffentlicht gegen das Vorhaben der japanischen Regierung, radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer abzuleiten.

     

    Fukushima/Japan: Radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik?

    Japan will im Sommer 2023 beginnen, gefiltertes, aber noch radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem havarierten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi verdünnt ins Meer zu entsorgen.

    Was war in „Fukushima“?

    Im AKW Fukushima Daiichi war es am 11. März 2011 infolge eines schweren Erdbebens und eines Tsunamis zu einem Super-GAU mit Wasserstoffexplosionen und Kernschmelzen gekommen. In deren Folge wurden große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt – sie kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung – auch heute noch.

    Mehr als 12 Jahre danach gilt der damals ausgerufene nukleare Notfall weiter mit über 20.000 offiziell als Evakuierte gemeldeten. Für die Einwohner inklusive Kinder, Jugendliche und Schwangere gilt der Strahlengrenzwert von 20 Millisievert pro Jahr: der gleiche Wert wie für AKW-Mitarbeiter und 20-mal höher als gesetzlich festgelegt.

    Was soll ins Meer „abgeleitet“ werden?

    Die havarierten Reaktoren müssen weiter mit Wasser gekühlt werden, obwohl keine geschlossenen Kühlkreisläufe mehr existieren. Durch einsickerndes Regen- und Grundwasser nimmt die Menge verstrahlten Wassers täglich zu, inzwischen sind das mehr als 1,3 Millionen Tonnen. Dieses Wasser will Japan gefiltert und verdünnt ins Meer ableiten.

    Argumente der japanischen Regierung

    Das Wasser mit Radionukliden werde mit dem Filtersystem ALPS „bis zur Unbedenklichkeitsgrenze“ aufbereitet. Hauptsächlich bliebe nur das Isotop Tritium, das sich nicht herausfiltern lässt. Alle Atomkraftwerke der Welt geben routinemäßig Tritium-haltiges Wasser ab. Alle enthaltenen Radionuklide würden so weit aufbereitet, dass sie unter dem jeweiligen Grenzwert lägen, und vor der Einleitung ins Meer würde das Wasser stark verdünnt. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat alles abgesegnet. Laut Tepco gehe der Platz bald aus für Lagerung auf dem Gelände.

    Welche Probleme und Risiken das Vorhaben birgt

    Das in Fukushima Daiichi gelagerte Wasser ist radioaktiver Müll in flüssiger Form, das über geschmolzene Brennelemente geflossen ist und nicht zu vergleichen mit Tritium-haltigem Wasser aus AKWs im Normalbetrieb. Die Filteranlage ALPS kann dem Wasser nicht alle Radionuklide entziehen. Es wird suggeriert, Tritium, ein Isotop von Wasserstoff, wäre das einzige Radionuklid, das nach der Aufbereitung übrigbleibt. Tatsächlich sind aber auch Cäsium 134/137, Strontium 90, Kobalt 60, Kohlenstoff 14 oder Jod 129 u.a. enthalten.

    Die Auswirkung von Tritium auf das Ökosystem und die Nahrungskette ist aber viel zu wenig untersucht, und die wenigen vorhandenen Untersuchungsergebnisse sind kaum berücksichtigt. Ab welcher Menge darf etwas als „unbedenklich“ bewertet werden, von wem? Für die Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Umwelt hat Japan für jedes Radionuklid den Grenzwert der Aktivitätskonzentration bestimmt, der der Konzentration jenes Radionuklids entsprechen soll, mit der die durchschnittliche Dosisleistung von 1 Millisievert pro Jahr erreicht würde, wenn man 70 Jahre lang täglich 2 Liter von diesem Wasser einnähme. Das heißt, die Abschätzungen der Langzeitfolgen werden nicht berücksichtigt. Darüber, wie einzelne Radionuklide sich im Meerwasser verhalten, in der Nahrungskette angereichert werden und was für Schäden sie anrichten könnten, wird bisher viel zu wenig geforscht. Auch wenn die Konzentration verdünnt würde, würde Tritium insgesamt in Höhe von 22 Billion Becquerel pro Jahr ins Meer abgeleitet. Egal ob verdünnt oder verstreut: Die Menge bleibt gleich.

    Die Halbwertszeit von Tritium: 12 Jahre, Strontium 90: 28,8 Jahre, Kohlenstoff 14: 5730 Jahre, Jod 129: 15,7 Millionen Jahre.

    Grundsätze der Vorsorge und Vorbeugung

    Unter dem Gesichtspunkt des Strahlenschutzes muss das Wasser in Fukushima Daiichi weiterhin in Tanks streng kontrolliert aufbewahrt bleiben.  Es gelten bei Zweifel die Grundsätze der Vorsorge und Vorbeugung!

    Grund zur Sorge bereitet schon die Zunahme der mit Cäsium 134/137 verseuchten Fische, die in den benachbarten Häfen gefangen werden ohne die Verklappung des kontaminierten Wassers. Im Juni 2023 wurde bei Sebastes schlegelii (Fisch aus der Familie der Stachelköpfe) sogar eine hohe Belastung von 18.000 Becquerel per Kilo gemessen. Möglicherweise findet noch immer unkontrolliertes Sickern von verseuchtem Wasser statt. Ohne dies gründlich zu untersuchen und zu bekämpfen, wäre es unverantwortlich, belastetes Wasser ins Meer abzuleiten.

    „Mentale Dekontaminierung“ und „Rufschädigung“

    Anstatt die Bevölkerung vor weiteren Gefahren durch Strahlen zu schützen, verbreitet die japanische Regierung lieber ein Märchen: Ein bisschen Radioaktivität sei unbedenklich, vielmehr sei Angst das Übel des Problems. Nicht etwa genauere gesundheitliche Untersuchungen und Messungen von radioaktiver Kontamination, sondern eine Reihe von Kampagnen „mentale Dekontaminierung“, soll das bekämpfen, in denen manipulative Werbungen im großen Stil mit einseitigen Schlussfolgerungen von Pro-Atom-Wissenschaftlern wiederholt werden. Die berechtigte Furcht der Menschen wird als Panik vor Strahlung abgetan und als „Rufschädigungen“ verteufelt, die der Wirtschaft und dem Wiederaufbau schaden würden.

    IAEA für die Förderung der Atomenergie

    Die Aufgabe der IAEA, 1957 unter dem Namen „Atoms for Peace“ für Förderung der Nutzung der Atomenergie gegründet, ist kein „Strahlenschutz“. Sie gibt Regeln vor, bis zu welchem Maße Strahlenrisiken als „vernachlässigbar“ gelten sollen. Bei ihrem Urteil wurden mögliche Langzeitauswirkungen auf das Meeresökosystem nicht berücksichtigt. Warum sollte ihr Abschlussbericht als Genehmigung verstanden werden?

    Aus den Augen, aus dem Sinn?

    Zurecht protestieren Nachbarländer und die südpazifischen Inselstaaten gegen das Vorhaben von Japan. Auch UN-Experten äußern ihre Besorgnis über die möglichen Gefahren für die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Sollte mit der Verklappung einmal begonnen werden, würde es als Präzedenzfall dienen für die zukünftige Meeresentsorgung verseuchten Wassers. Denn tatsächlich will Japan über mehr als drei Jahrzehnte das Meer, das mit allen anderen Meeren der Welt verbunden ist, noch mehr belasten, das ohnehin bereits stark unter verschiedenen Umwelteinflüssen leidet. Das Meer ist kein Müllentsorgungsort. Es ist unverantwortlich, die Kontamination noch mehr auszubreiten, anstatt sie möglichst abzugrenzen. Aber Tepco und die japanische Regierung wollen offensichtliche Unfallfolgen wie zahlreiche Wassertanks lieber unsichtbar machen, indem sie das Wasser ins Meer entsorgen. Das dürfen wir niemals akzeptieren!

    Deshalb fordern wir:

    • Keine Einleitung von radioaktivem Wasser ins Meer, egal ob in Fukushima oder anderswo!
    • Aufbau von Kontroll- und Forschungssystemen weltweit für alle Atomanlagen durch unabhängige Organisationen für Monitoring und Analyse der Ökosystemveränderungen und Gesundheitsauswirkungen
    • Transparente Kommunikation und Veröffentlichung von Forschungs- und Monitoringergebnissen

    Für weitere Sprache sehen Sie bitte  https://yosomono-net.jimdofree.com/

    Quellen:

    http://oshidori-makoken.com/

    https://www.meti.go.jp/earthquake/nuclear/decommissioning/committee/fukushimahyougikai/2021/23/shiryou_04_2.pdf

    https://www.pref.fukushima.lg.jp/site/portal-de/de04-02.html

    https://www.ohchr.org/en/press-releases/2021/04/japan-un-experts-say-deeply-disappointed-decision-discharge-fukushima-water

    https://www.iaea.org/sites/default/files/iaea_comprehensive_alps_report.pdf

    Comic “Fukushima 3.11” vom Damien Vidal und Kurumi Sugita jetzt auf Deutsch verfügbar

     

    Comic “Fukushima 3.11″ finden Sie hier ↓

    Fukushima-3.11_deutsch_web_

     

    Der Comic “Fukushima 3.11” wurde anhand der Zeugenaussage von Suguru Yokota realisiert, die im Rahmen des Forschungsprojekts “DILEM” des CNRS gesammelt worden war.Frau Kurumi Sugita hat das Interview durchgeführt und es zusammengefasst, während der Comiczeichner Herr Damien Vidal die Geschichte als Comic verarbeitet. Zuerst wurden diese Seiten  in der Nr. 15 der Zeitschrift TOPO (Januar/Februar 2019) erschienen.

    Dieser Comic wird von dem Verein “Nos Voisins Lointains 3.11” frei zur Verfügung gestellt, der Kooperationen mit Opfern des Atomunfalls in Fukushima Daiichi unterstützt. Es ist für alle zugänglich, jedoch bleibt das Urheberrecht selbstverständlich bei den Autoren (Frau Kurumi Sugita und Herrn Damien Vidal). Wer diese Seiten also irgendwo erwähnen/veröffentlichen/verbreiten will, soll bitte zuerst die Autoren kontaktieren durch “Nos Voisins Lointains 3.11” unter:https://nosvoisinslointains311.home.blog/

    Übersetzung aus dem Franzosischem: Yu Kajikawa (Sayonara Nukes Berlin)

    広島・長崎原爆投下記念日の式典にSNB代表が演説

    Rede für die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 06. August 2022 (Yu/Sayonara Nukes Berlin)

    Letztes Jahr trat der Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft, auch wenn Deutschland und Japan ihn nicht unterzeichnet haben, und Ende dieses Jahres sollen die letzten Atomreaktoren in Deutschland endlich vom Netz gehen.

    Wer hat gedacht, 77 Jahre nachdem die ersten und bisher die einzigen Atombomben im Krieg eingesetzt und über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen waren, dass diese Hoffnungsschimmer so leicht zunichte gemacht werden können?

    Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde die atomare Drohung wieder hochaktuell, viele Menschen, die sich bisher zur Abrüstung bekannt haben, betonen plötzlich die Wichtigkeit der nuklearen Teilhabe, der Abschreckung. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist es außerdem zur Energiekrise in Europa gekommen, da wir noch immer nicht nur vom russischen Gas, sondern auch von fossiler Energie viel zu sehr abhängig sind. Rasch werden die Stimmen lauter, die die Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen deutschen Meiler über das Ende des Jahres hinaus fordern, obwohl die aktuelle Gaskrise nicht direkt eine Stromknappheit bedeutet. Die EU will sogar die Atomenergie als nachhaltig einstufen und ihr neben dem Erdgas ein grünes Etikett namens Taxonomie verleihen. Wir sind auf diese Weise bis Sommer dieses Jahres bereits mit diesen äußerst schlechten Nachrichten bombardiert worden.

    Seitdem die ersten Atombomben im Krieg eingesetzt worden waren, haben sich die Menschen überall auf der Welt mit Kernwaffen aufgerüstet. Anfang 2021 besaßen neun Länder schätzungsweise 13.080 Nuklearwaffen, davon waren 3.825 einsatzbereit. Die größte Atommacht, Russland, verfügte über 6.255 Atomsprengköpfe, während die USA über 5.550 nukleare Sprengköpfe besaßen. Das sind die Zahlen, die schwer nachvollziehbar sind, wie es dazu kommen konnte, dass so viele Teufelszeug da sind, womit die Menschheit mehrfach vernichtet werden könnte.

    Aber das ist nicht alles. Viele Menschen glauben sogar leichtsinnig, diesen „Fluch der Technik“ beherrschen und angeblich zum friedlichen Zweck verwenden zu können. Ende 2021 zählte man 436 Reaktoren in 33 Ländern. Aber haben wir im Februar dieses Jahres nicht mitbekommen, dass die Atomkraftwerke in militärischen Operationen sogar Ziel des Angriffs werden können? Das war damals vor 77 Jahren noch nicht der Fall. Die Atomruine Tschernobyl war Ende Februar in russische Hände gefallen, und das größte AKW Europas Saporischschja wurde ebenfalls beschossen. Was hätte da passieren können, und was könnte noch passieren?

    Die Atomreaktoren müssen nicht einmal dabei direkt angegriffen werden, um eine ernsthafte Bedrohung darzustellen, es würde reichen, wenn die Stromversorgung für diese Anlagen unterbrochen würde, das ist nämlich genau das, was in Fukushima 2011 passiert ist. Außerdem haben wir nicht nur den Krieg in Europa, sondern auch die globale Klimakrise mit unberechenbaren Extremwetterereignissen. Die Atommacht Frankreich, die stolz darauf ist, in der Energiefrage weitgehend unabhängig von Russland zu sein und ca. 80% des Strombedarfs mit Atomenergie zu decken, hatte aber nicht daran gedacht, dass ihre Flüsse, die zur Kühlung der Atomreaktoren notwendig sind, in der Klimaveränderung austrocknen könnten oder das Flusswasser zu warm sein könnte.

    Wir wissen, dass die Atomwaffen und die Atomenergie zwei Seiten einer Medaille sind. Die Welt ist leider dicht gesät von Atomwaffen UND von Atomreaktoren, die jederzeit wegen Naturkatastrophen, militärischen Konflikten, Fehlbarkeiten der Menschen, technischem Versagen oder Terrorangriffen explodieren könnten. Und Kettenreaktionen und radioaktive Strahlen kennen keine Grenzen zwischen Freunden und Feinden, machen auch keinen Unterschied, ob die gleiche Technologie für militärische oder zivile Nutzung verwendet wird. Dass, seit die ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor 77 Jahren abgeworfen wurden, noch keine weitere Atombombe in kriegerischer Auseinandersetzung gezündet worden ist, ist keine Garantie dafür, dass die nächsten Jahre sicher sein werden. Wir hatten bereits Tschernobyl, Three Mile Island und Fukushima erlebt. Solange es Atomreaktoren gibt, stellen sie eine Bedrohung für uns alle dar, genauso wie jede einzelne Atombombe, die irgendwo stationiert ist. Was soll daran so schwierig sein zu verstehen, dass wir lieber die Finger davon lassen sollten?