Wie jedes Jahr veröffentlichen wir Botschaften von Frau Ruiko Muto und Frau Akiko Morimatsu zum Jahrestag von Fukushima, die wir ins Deutsch übersetzt haben. Sie sind auch in der englischen sowie französischen Übersetzung erhältlich.
Die Nuklearkatastrophe wird hinter einem Schleier versteckt
Ruiko MUTO Einwohnerin von Fukushima, Vertreterin der Strafrechtskläger

Kein verstrahltes Wasser ins Meer ableiten! (Ruiko ganz links)
15 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima: Vielseitige Probleme, die durch den andauernden Unfall des AKW Fukushima Daiichi verursacht wurden, werden durch das Narrativ des „Wiederaufbaus“ immer mehr unsichtbar gemacht.
Am 5. März 2025 sprach der Oberste Gerichtshof die ehemaligen Führungskräfte von TEPCO frei und wies die Berufung im Strafverfahren zurück. Somit muss niemand zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden für die Havarie, aus der große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt und so viel Gebiete unbewohnbar geworden sind. Nach wie vor können viele nicht in ihre Heimat zurück. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs 2022, das den Staat von jeglicher Verantwortung freisprach, folgen die gleichen Urteile bei allen ähnlichen Zivilprozessen.
Der Staat stellt jährlich ein beträchtliches Budget für das Projekt „Innovation Coast“ zur Förderung von Hightech-Unternehmen bereit. In der Gemeinde Nami’e soll ein Forschungszentrum entstehen mit dem Hauptquartier „F-REI*1“. 50 internationale Forscherteams sollen eingeladen, Schulen und Kindertagesstätten für deren Familien eingerichtet werden. Auf der anderen Seite mussten viele Industrien und Betriebe in Fukushima Konkurs anmelden. Solche Projekte, die man als „Katastrophenkapitalismus“ bezeichnen könnte und die nichts mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Opfer zu tun haben, scheinen den betroffenen Gebieten keinerlei Hilfe zu bringen. Ist das nicht eine Missachtung der lokalen Demokratie und der Bevölkerung von Fukushima? Nebenbei wird die „Wiederverteilung“ von radioaktiven Materialien vorangetrieben: Ableitung von kontaminiertem Wasser ins Meer, „Recycling“ der abgetragenen, verseuchten Erde.
Nach dem Atomunfall sind sehr viele Menschen psychisch und körperlich krank geworden und gestorben, aber die Zahlen werden nicht erfasst, bis auf die Schilddrüsenkrebsfälle, die in der Reihenuntersuchung durch die Präf. Fukushima entdeckt werden. Diese einzige gesundheitsrelevante, regelmäßig praktizierte Untersuchung wird aber nur denjenigen angeboten, die zum Zeitpunkt des Unfalls als Minderjährige in Fukushima lebten. Der Zusammenhang zwischen der erhöhten Inzidenz der Schilddrüsenkrebsfälle und dem Atomunfall wird allerdings stets geleugnet. Dafür wird eine Unmenge an Steuergeldern ausgegeben, damit große Werbeagenturen Propagandainformationen durch die Medien verbreiten.
In dem 2025 von der Regierung verabschiedeten Strategieplan für Energie steht die Atomenergie als Grundlastträger, die maximal genutzt werden soll. Entsprechend wird an verschiedenen Standorten die Wiederinbetriebnahme von AKWs vorbereitet, die seit Fukushima abgeschaltet sind. Das AKW Onagawa (Präf. Miyagi) wurde 2024 wieder ans Netz genommen, und das AKW Kashiwazaki-Kariwa (Präf. Niigata), das im Januar 2026 folgen sollte, musste nach dem Einschalten wegen eines Fehlers schnell wieder gestoppt werden. Tepco will es aber gleich wieder in Betrieb nehmen (Stand 06.02.2026).
Seit 2024, nachdem ein investigativer Journalist die engen Verbindungen zwischen großen Anwaltskanzleien, aus denen bestimmte Richter des Obersten Gerichtshofs stammen, und Stromversorgern wie TEPCO und der Atomaufsichtsbehörde aufgedeckt hat, organisieren zahlreiche Kläger und Anwälte eine „Menschenkette um den Obersten Gerichtshof”, um die Unabhängigkeit der Justiz zu fordern. Andere reichen Klage gegen den Staat und TEPCO ein, um die Einleitung von radioaktivem Wasser ins Meer zu stoppen. Es werden Bürgerversammlungen organisiert, um die sichere Stilllegung des havarierten Kraftwerks zu fordern. Schließlich haben Bürger der Gemeinde Miharu ein Handbuch für die Verteilung von stabilem Jod im Falle eines nuklearen Unfalls herausgegeben.*2
Wenn die Regierung und die Atomlobby wie Bulldozer mit ihrer politischen und finanziellen Macht unsere Heimat niederzuwalzen drohen, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin wachsam, standhaft und aufrichtig Widerstand zu leisten und Schritt für Schritt voranzuschreiten.
*1 : F-REI steht für “The Fukushima Institute for Research, Education and Innovation”
*2: Miharu gehört zu den nur drei Gemeinden, die beim Atomunfall von 11.3.2011 rechtzeitig die Initiative ergriffen haben, Jodtabletten an die Einwohner zu verteilen.
Leben ohne Strahlenbelastung ist ein grundlegendes Menschenrecht
Akiko MORIMATSU Vertreterin der Klägergruppe „Kansai“ gegen Tepco und den Staat
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 bin ich mit zwei minderjährigen Kindern aus Fukushima geflohen, um uns vor Strahlen zu schützen.
Nach dem Unfall erhielten wir keine Information über die radioaktive Kontamination, entsprechend wurden wir unnötig lang und viel Strahlen ausgesetzt. Während Luft, Wasser und Boden verseucht wurden, hatten wir keine andere Möglichkeit gehabt, als aus der Leitung Wasser zu trinken, in dem radioaktive Substanzen später nachgewiesen werden sollten. Ich stillte sogar meine Tochter.
Die Behörden, die uns einst versprochen hatten, es würde niemals einen Atomunfall geben, haben nach dem GAU kurzerhand den „Grenzwert“ für Strahlung gelockert. Durch die Anwendung ihrer wirtschaftlichen Logik haben sie willkürliche Grenzen gesetzt, um zu entscheiden, wer als Opfer anerkannt wird, und haben so die Opfer untereinander gespalten.
Viele Betroffene leiden jedoch auch 15 Jahre nach dem Unfall noch immer unter dessen Folgen, unabhängig davon, welcher Opferstatus ihnen aufgrund der administrativen Einteilung zugewiesen wurde. Der Grund dafür ist einfach: Die radioaktive Kontamination besteht weiterhin. Und weil ich meinen Kindern nicht einmal ein einziges zusätzliches Mikrosievert unnötiger Strahlenbelastung zumuten möchte, führe ich auch heute noch dieses Leben als Selbst-Evakuierte, ohne eine Entschädigung und Wohnungsbeihilfe zu erhalten.
Das ist aber eindeutig die Verletzung eines lebensrelevanten und existentiellen Grundrechtes, nämlich: keinen Strahlen ausgesetzt zu werden und gesund zu leben.
Aber die Justiz in Japan will den nach Fukushima vom Staat gelockerten Grenzwert nicht in Frage stellen. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2022 ist es für die Geflohenen aus Fukushima extrem schwierig geworden, in Zivilprozessen Entschädigungen zu erhalten. Das bedeutet, dass das Menschenrecht, „unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden“, im japanischen Rechtssystem nicht respektiert wird.
Die ganze Frage der Atomenergie ist vor allem die der Menschenrechte.
Japan ist das einzige Land, über das Atombomben in einer Kriegsführung abgeworfen wurden. Seitdem sind über 80 Jahre vergangen. Durch „Nihon Hidankyo“, die mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, und zahlreiche Strahlenopfer der Welt, die ihre Stimmen zu erheben anfingen, hat sich das japanische Wort „Hibakusha“ (Atom-/Strahlenopfer) international etabliert. Es ist an der Zeit, dass Japan mit seinen Erfahrungen von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima die Rolle eines Meinungsführers einnimmt, um das Recht darauf, sich vor Strahlen zu schützen, als ein universelles Menschenrecht einzufordern.
Unter den „Hibakusha“ sind ebenfalls Opfer von Kern- und Wasserstoffbomben, verstrahlte Arbeiter, die beim Uranabbau tätig sind. Umweltverschmutzung durch Ableitung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer oder durch unsichere Lagerung von Atommüll ist im Grunde nichts anderes als Verbreitung von Strahlenschäden. Nach den Erfahrungen von Fukushima wissen wir, dass jeder leicht zum Strahlenopfer werden kann, egal ob durch zivile oder militärische Nutzung der Atomenergie.
Für die Beendigung von Strahlenschädigungen der Welt wäre die Anerkennung dieses Rechtes, Strahlenbelastung zu vermeiden, der erste wichtige Schritt.
Das ist die Zukunft, die wir anstreben müssen. Deshalb halten wir es für notwendig, mit allen Strahlenopfern der Welt solidarisch verbunden zu sein, um gemeinsam für die Verwirklichung dieses universellen Rechts zu kämpfen.

Die Klägergruppe der Region Kansai vor dem Abschluss der Sammelklage am 24.12.2025
©Takezo Takahashi