Sa. 18.04.2026 ab 12:00 Uhr Treffpunkt: Brandenburger Tor (Pariser Platz) Berlin
Vor 40 Jahren, am 26. April 1986 explodierte Block 4 des Kernkraftwerks Tschornobyl (russ.: Tschernobyl) in der damalige und der Ukraine wurden ganze Ortschaften evakuiert, Menschen dauerhaft umgesiedelt, viele Betroffene tragen gesundheitliche Folgen, die sie ein Leben lang begleiten. Die durch die Explosion freigesetzten adionuklide erreichten auch Deutschland, und noch immer werden hohe Cäsium-137-Werte in Pilzen und Wildtieren aus Süddeutschland nachgewiesen.
25 Jahre später, 2011, ereignete sich die Atomkatastrophe von Fukushima. Es kam in drei Reaktoren zu Kernschmelzen, und durch die Wasserstoffexplosionen wurden große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt. In der Region sind Luft, Wasser und Boden noch immer hoch kontaminiert.
Diese zwei schweren Atomkatastrophen haben viele Menschen zum Umdenken bewegt. In Deutschland gilt die Antiatombewegung als erfolgreich, weil der Atomausstieg umgesetzt wurde. Wirklich? Nicht ganz. Und nicht nur, weil in Deutschland nach wie vor die Urananreicherungsanlage und die Brennelementefabrik in Betrieb sind und bereits so viel Atommüll unsicher gelagert ist. Unsere Antiatombewegung mit dem Slogan „Atomenergie, nein danke!“, ist leider so lange nicht erfolgreich, bis wir auch die andere Seite der Medaille des Kernbrennstoffkreislaufs beseitigt haben: Atomwaffen. Die Menschen sind heute wieder dabei, sich selbst mit Atomwaffen zu bedrohen, während das größte AKW in Europa, Saporischschja, zum Ziel der militärischen Angriffe wird und die erst vor 10 Jahren fertig gebaute neue Schutzhülle (Sarkophag) von Tschernobyl durch Drohnen schwer beschädigt wurde. In Europa wird sogar über einen europäischen Atomschirm nachgedacht.
Aber ein wenig Vernunft und Fantasie reichen, um zu erkennen: Atomwaffen sind kein Verteidigungsmittel, sondern reine Massenvernichtungswaffen. Damit wird die ganze Bevölkerung eines großen Gebietes ausgelöscht, ein großes Gebiet für Generationen kontaminiert und unbewohnbar, und die radioaktiven Strahlen zerstören nachhaltig die DNA, ganz unabhängig von Grenzen. Wenn sich ein schwerer Unfall wieder in einer Atomanlage ereignen sollte, egal ob durch menschliche Fehler, Naturkatastrophen, im Krieg oder durch einen Flugzeugabsturz, hätten wir genauso verheerende Folgen, wie wir sie aus Tschernobyl und Fukushima kennen. Die einzig sichere Vorbeugung heißt: Aufhören mit dem Spiel mit dem Atomfeuer!
Wir können deshalb nicht aufhören zu sagen: Nein bleibt Nein, weder Atomenergie noch Atomwaffen!
Deshalb fordern wir gemeinsam: ᐅ Deutschland und Japan müssen endlich dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten! Atomare Aufrüstung verhindern! ᐅ EURATOM-Vertrag kündigen! ᐅ Einen schnellstmöglichen, weltweiten Ausstieg aus der unverantwortlichen Atomenergie! ᐅ Sofortige Stilllegung der Atomanlagen in Lingen und Gronau! ᐅ Keine Einstufung der Atomenergie als nachhaltige Energieerzeugung und die Streichung von Nuklear aus der EU Taxonomie!
Wie jedes Jahr veröffentlichen wir Botschaften von Frau Ruiko Muto und Frau Akiko Morimatsu zum Jahrestag von Fukushima, die wir ins Deutsch übersetzt haben. Sie sind auch in der englischen sowie französischen Übersetzung erhältlich.
Die Nuklearkatastrophe wird hinter einem Schleier versteckt
Ruiko MUTO Einwohnerin von Fukushima, Vertreterin der Strafrechtskläger
Kein verstrahltes Wasser ins Meer ableiten! (Ruiko ganz links)
15 Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima: Vielseitige Probleme, die durch den andauernden Unfall des AKW Fukushima Daiichi verursacht wurden, werden durch das Narrativ des „Wiederaufbaus“ immer mehr unsichtbar gemacht.
Am 5. März 2025 sprach der Oberste Gerichtshof die ehemaligen Führungskräfte von TEPCO frei und wies die Berufung im Strafverfahren zurück. Somit muss niemand zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden für die Havarie, aus der große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt und so viel Gebiete unbewohnbar geworden sind. Nach wie vor können viele nicht in ihre Heimat zurück. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs 2022, das den Staat von jeglicher Verantwortung freisprach, folgen die gleichen Urteile bei allen ähnlichen Zivilprozessen.
Der Staat stellt jährlich ein beträchtliches Budget für das Projekt „Innovation Coast“ zur Förderung von Hightech-Unternehmen bereit. In der Gemeinde Nami’e soll ein Forschungszentrum entstehen mit dem Hauptquartier „F-REI*1“. 50 internationale Forscherteams sollen eingeladen, Schulen und Kindertagesstätten für deren Familien eingerichtet werden. Auf der anderen Seite mussten viele Industrien und Betriebe in Fukushima Konkurs anmelden. Solche Projekte, die man als „Katastrophenkapitalismus“ bezeichnen könnte und die nichts mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Opfer zu tun haben, scheinen den betroffenen Gebieten keinerlei Hilfe zu bringen. Ist das nicht eine Missachtung der lokalen Demokratie und der Bevölkerung von Fukushima? Nebenbei wird die „Wiederverteilung“ von radioaktiven Materialien vorangetrieben: Ableitung von kontaminiertem Wasser ins Meer, „Recycling“ der abgetragenen, verseuchten Erde.
Nach dem Atomunfall sind sehr viele Menschen psychisch und körperlich krank geworden und gestorben, aber die Zahlen werden nicht erfasst, bis auf die Schilddrüsenkrebsfälle, die in der Reihenuntersuchung durch die Präf. Fukushima entdeckt werden. Diese einzige gesundheitsrelevante, regelmäßig praktizierte Untersuchung wird aber nur denjenigen angeboten, die zum Zeitpunkt des Unfalls als Minderjährige in Fukushima lebten. Der Zusammenhang zwischen der erhöhten Inzidenz der Schilddrüsenkrebsfälle und dem Atomunfall wird allerdings stets geleugnet. Dafür wird eine Unmenge an Steuergeldern ausgegeben, damit große Werbeagenturen Propagandainformationen durch die Medien verbreiten.
In dem 2025 von der Regierung verabschiedeten Strategieplan für Energie steht die Atomenergie als Grundlastträger, die maximal genutzt werden soll. Entsprechend wird an verschiedenen Standorten die Wiederinbetriebnahme von AKWs vorbereitet, die seit Fukushima abgeschaltet sind. Das AKW Onagawa (Präf. Miyagi) wurde 2024 wieder ans Netz genommen, und das AKW Kashiwazaki-Kariwa (Präf. Niigata), das im Januar 2026 folgen sollte, musste nach dem Einschalten wegen eines Fehlers schnell wieder gestoppt werden. Tepco will es aber gleich wieder in Betrieb nehmen (Stand 06.02.2026).
Seit 2024, nachdem ein investigativer Journalist die engen Verbindungen zwischen großen Anwaltskanzleien, aus denen bestimmte Richter des Obersten Gerichtshofs stammen, und Stromversorgern wie TEPCO und der Atomaufsichtsbehörde aufgedeckt hat, organisieren zahlreiche Kläger und Anwälte eine „Menschenkette um den Obersten Gerichtshof”, um die Unabhängigkeit der Justiz zu fordern. Andere reichen Klage gegen den Staat und TEPCO ein, um die Einleitung von radioaktivem Wasser ins Meer zu stoppen. Es werden Bürgerversammlungen organisiert, um die sichere Stilllegung des havarierten Kraftwerks zu fordern. Schließlich haben Bürger der Gemeinde Miharu ein Handbuch für die Verteilung von stabilem Jod im Falle eines nuklearen Unfalls herausgegeben.*2
Wenn die Regierung und die Atomlobby wie Bulldozer mit ihrer politischen und finanziellen Macht unsere Heimat niederzuwalzen drohen, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin wachsam, standhaft und aufrichtig Widerstand zu leisten und Schritt für Schritt voranzuschreiten.
*1 : F-REI steht für “The Fukushima Institute for Research, Education and Innovation”
*2: Miharu gehört zu den nur drei Gemeinden, die beim Atomunfall von 11.3.2011 rechtzeitig die Initiative ergriffen haben, Jodtabletten an die Einwohner zu verteilen.
Leben ohne Strahlenbelastung ist ein grundlegendes Menschenrecht
Akiko MORIMATSU Vertreterin der Klägergruppe „Kansai“ gegen Tepco und den Staat
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 bin ich mit zwei minderjährigen Kindern aus Fukushima geflohen, um uns vor Strahlen zu schützen.
Nach dem Unfall erhielten wir keine Information über die radioaktive Kontamination, entsprechend wurden wir unnötig lang und viel Strahlen ausgesetzt. Während Luft, Wasser und Boden verseucht wurden, hatten wir keine andere Möglichkeit gehabt, als aus der Leitung Wasser zu trinken, in dem radioaktive Substanzen später nachgewiesen werden sollten. Ich stillte sogar meine Tochter.
Die Behörden, die uns einst versprochen hatten, es würde niemals einen Atomunfall geben, haben nach dem GAU kurzerhand den „Grenzwert“ für Strahlung gelockert. Durch die Anwendung ihrer wirtschaftlichen Logik haben sie willkürliche Grenzen gesetzt, um zu entscheiden, wer als Opfer anerkannt wird, und haben so die Opfer untereinander gespalten.
Viele Betroffene leiden jedoch auch 15 Jahre nach dem Unfall noch immer unter dessen Folgen, unabhängig davon, welcher Opferstatus ihnen aufgrund der administrativen Einteilung zugewiesen wurde. Der Grund dafür ist einfach: Die radioaktive Kontamination besteht weiterhin. Und weil ich meinen Kindern nicht einmal ein einziges zusätzliches Mikrosievert unnötiger Strahlenbelastung zumuten möchte, führe ich auch heute noch dieses Leben als Selbst-Evakuierte, ohne eine Entschädigung und Wohnungsbeihilfe zu erhalten.
Das ist aber eindeutig die Verletzung eines lebensrelevanten und existentiellen Grundrechtes, nämlich: keinen Strahlen ausgesetzt zu werden und gesund zu leben.
Aber die Justiz in Japan will den nach Fukushima vom Staat gelockerten Grenzwert nicht in Frage stellen. Seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2022 ist es für die Geflohenen aus Fukushima extrem schwierig geworden, in Zivilprozessen Entschädigungen zu erhalten. Das bedeutet, dass das Menschenrecht, „unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden“, im japanischen Rechtssystem nicht respektiert wird.
Die ganze Frage der Atomenergie ist vor allem die der Menschenrechte.
Japan ist das einzige Land, über das Atombomben in einer Kriegsführung abgeworfen wurden. Seitdem sind über 80 Jahre vergangen. Durch „Nihon Hidankyo“, die mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, und zahlreiche Strahlenopfer der Welt, die ihre Stimmen zu erheben anfingen, hat sich das japanische Wort „Hibakusha“ (Atom-/Strahlenopfer) international etabliert. Es ist an der Zeit, dass Japan mit seinen Erfahrungen von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima die Rolle eines Meinungsführers einnimmt, um das Recht darauf, sich vor Strahlen zu schützen, als ein universelles Menschenrecht einzufordern.
Unter den „Hibakusha“ sind ebenfalls Opfer von Kern- und Wasserstoffbomben, verstrahlte Arbeiter, die beim Uranabbau tätig sind. Umweltverschmutzung durch Ableitung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer oder durch unsichere Lagerung von Atommüll ist im Grunde nichts anderes als Verbreitung von Strahlenschäden. Nach den Erfahrungen von Fukushima wissen wir, dass jeder leicht zum Strahlenopfer werden kann, egal ob durch zivile oder militärische Nutzung der Atomenergie.
Für die Beendigung von Strahlenschädigungen der Welt wäre die Anerkennung dieses Rechtes, Strahlenbelastung zu vermeiden, der erste wichtige Schritt.
Das ist die Zukunft, die wir anstreben müssen. Deshalb halten wir es für notwendig, mit allen Strahlenopfern der Welt solidarisch verbunden zu sein, um gemeinsam für die Verwirklichung dieses universellen Rechts zu kämpfen.
Die Klägergruppe der Region Kansai vor dem Abschluss der Sammelklage am 24.12.2025
Herausgegeben von Sayonara Nukes Berlin zum 15. Jahrestag von Fukushima
Die Infobroschüre “FUKUSHIMA 15 Jahre danach” ist nun fertig und sowohl als PDF als auch gedruckte Version kostenlos erhältlich!
Wer gedruckte Broschüren haben möchte, bitte schreib uns eine Mail mit der gewünschten Anzahl der Exemplare und die Lieferadresse. Es wäre schön, wenn ihr die Versandkosten tragen würdet. Spenden sind natürlich immer willkommen!
Wer die Broschüre als Web-Version herunterladen möchte, kann es hier unten machen.
Unsere Jahresdemo findet dieses Jahr am Samstag den 18. April 2026 ab 12 Uhr am Brandenburger Tor/Pariser Platz in Berlin – zum 15. Jahrestag von Fukushima UND zum 40. Jahrestag von Tschernobyl.
Verhindern, dass die Geschichte der Atomkatastrophe umgeschrieben wird
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