Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (August 2025)

Der Kampf gegen Atomwaffen

Rede von Prof. Hiroko TAKAHASHI am 9.8.2025

©Hiroko Takahashi

In diesem Jahr jähren sich die Atombombenabwürfe der US-Regierung zum 80. Mal: am 6. August für Hiroshima und am 9. August für Nagasaki. Es ist heute wichtiger denn je, der Tatsache genau ins Gesicht zu sehen, dass diese Angriffe durch die Explosion, die Hitze und die Strahlung abscheuliche Schäden verursacht haben.

Was geschah als Folge der Atombombenabwürfe? Bis heute ist die Realität der Nuklearkatastrophe nicht ausreichend als gemeinsame menschliche Erfahrung geteilt. Insbesondere die tatsächlichen Langzeitwirkungen des nuklearen Niederschlags auf Menschen und die Umwelt bleiben verschwiegen.

Die Gründe dafür sind folgende: Erstens wurden die Informationen über die Auswirkungen der Atombombe von der US-Regierung während der Besatzung bis April 1952 kontrolliert. Zweitens werden wissenschaftliche Studien über die Auswirkungen der Strahlung weiterhin als militärische Geheimnisse eingestuft. Und drittens hat die Regierung der USA nur über die Zerstörungskraft der Atombombe kommuniziert, aber auf Informationen verzichtet, die möglicherweise eine Verletzung des Völkerrechts darstellten. Unter diesen Umständen wurde die Hilfe und Unterstützung für Atombombenopfer sowohl auf internationaler Ebene als auch innerhalb Japans immer vernachlässigt.

Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki erzeugten Druckwellen, Hitzestrahlen und Strahlung. Die in der ersten Minute nach der Explosion entstandene Strahlung wird als „Initialstrahlung“ bezeichnet, während die später entstandene Strahlung „Reststrahlung“ genannt wird. Wenn die radioaktiven Substanzen der Reststrahlung, die an Staub, Schmutz oder Regen gebunden über ein großes Gebiet herabfallen, heißt das Phänomen „radioaktiver Fallout“ (Niederschlag). Die bedeutenden und langanhaltenden Auswirkungen dieses radioaktiven Niederschlags wurden heruntergespielt, was dazu führte, dass die Pathologien der verstrahlten Überlebenden nicht anerkannt wurden.  Dies ist der Grund für den strukturellen und politischen Mangel an Maßnahmen zum Schutz und zur Prävention vor Strahlung. Und durch das Nicht-Beachten von verstrahlten Opfern entstehen immer mehr neue Opfer von Nuklearunfällen.

Während der Zeit des Kalten Krieges zwischen den USA und der ehemaligen UdSSR wurden die Opfer der Atombomben unter dem Vorwand der „nationalen Sicherheit“ von den Regierungen vernachlässigt, aber eine Reihe von Journalisten, Wissenschaftlern, Intellektuellen und Bürgern haben sich in den letzten 80 Jahren auf unterschiedliche Weise engagiert, um die tatsächlichen Auswirkungen der Strahlung aufzuklären und den Opfern Hilfe zukommen zu lassen. In Frankreich etwa wurde der Spielfilm „Hiroshima mon amour“ vom Regisseur Alain Resnais und der Drehbuchautorin Marguerite Duras aus dem Jahr 1959 bekannt, in dem Bilder der verheerenden Folgen der Atombombe gezeigt wurden.

Auch die Bewegungen von sogenannten „global Hibakusha“ (alle Strahlenopfer der Atomtests und der Atomunfälle, die der Arbeiter in den Uranminen, in den Kraftwerken und den Einrichtungen zur Entsorgung radioaktiver Abfälle usw.) haben sich im Laufe dieser 80 Jahre vervielfacht und ausgeweitet, um nach mehr Rechte und Entschädigungen zu erkämpfen. Aber das bedeutete eben, dass ihnen keine Hilfe und kein Schutz gewährt worden wäre, wenn die Opfer nicht selbst geklagt hätten.

So sind in Japan noch immer zivile Sammelverfahren anhängig: der Prozess um die Anerkennung der durch die Atombombe verursachten radioaktiven Strahlenkrankheiten, der Prozess der Opfer des „schwarzen Regens“ von Hiroshima, der Prozess der Opfer der amerikanischen Atomtests im Bikini-Atoll, der Prozess der Opfer von Nagasaki, die außerhalb der offiziell anerkannten Gebiete verstrahlt wurden, und etwa 30 Prozesse der Opfer des Atomunfalls in Fukushima. Dabei ist der direkt oder indirekt Angeklagte in all diesen Verfahren die japanische Regierung.

Unmittelbar nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki protestierte die damalige japanische Regierung über die Schweizer Regierung gegen die USA und beschuldigte sie, gegen die Haager Konvention (1899) zu verstoßen, die den Einsatz von Waffen wie Giftgas oder solchen, die unnötiges Leid verursachen, verbietet. Dies war jedoch der einzige Protest der japanischen Regierung. Nach der Kapitulation, 80 Jahre lang und bis heute, haben die aufeinanderfolgenden japanischen Regierungen nie gegen die Atombombenabwürfe protestiert; stattdessen leugnen sie gemeinsam mit den USA die Gräueltaten der Atombomben.

Die offizielle Position des japanischen Außenministeriums lautet: „Es sei notwendig, die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten zu erhalten, die im Besitz der Nuklearwaffen sind und die nach dem Vertrag über gegenseitige Zusammenarbeit und Sicherheit mit unserem Land unsere Verbündeten sind“. Japan tritt auch nicht dem Vertrag über das Verbot von Nuklearwaffen bei, mit der Begründung, dass “der AVV keine Sicherheitsüberlegungen berücksichtigt. Wenn wir einem Vertrag beitreten würden, der Atomwaffen illegal macht, würde die Legitimität der nuklearen Abschreckung der USA zunichte gemacht und wir würden das Leben und das Eigentum der Japaner gefährden. Dies würde zu Problemen für die nationale Sicherheit führen”.

Schlimmer noch, die japanische Regierung schließt sich der US-Regierung an in ihrer Verharmlosung und Verleugnung der Gräueltaten von Atomwaffen und der Auswirkungen von Reststrahlung, radioaktivem Niederschlag und innerer Verstrahlung. Man muss hinzufügen, dass trotz der seit langem bestehenden Feststellung, dass die Auswirkungen der Strahlenbelastung für heranwachsende Kinder viel schädlicher sind, die Auswirkungen von Radioaktivität auf Kinder, einschließlich derjenigen von Atomunfällen, verschwiegen wurden.

Um diese Positionen der japanischen Regierung in zahlreichen Gerichtsverfahren zu widerlegen, habe ich einen Vortrag gehalten, der auf meinen historischen Recherchen beruht: Er zeigt auf, inwiefern Studien über die Auswirkungen von Strahlung auf Menschen gegen das medizinische Ethos verstoßen, da sie nicht durchgeführt wurden, um Leben zu retten, sondern um Atomkriege vorzubereiten oder Atomwaffen zu entwickeln. Es handelt sich hier um meinen Widerstand gegen das Argument, das Atombomben legitimiert, gegen die Theorie der nuklearen Abschreckung und gegen die Doktrin des „gerechten Krieges“. Es ist auch und vor allem ein Widerstand, um die Zukunft vor nuklearen Katastrophen zu schützen.

Ich fordere deshalb alle auf, den Kampf gegen Atomwaffen zu verstärken: für das Recht zu kämpfen, nicht mit Atomwaffen anderen zu drohen, auch nicht von Atomwaffen bedroht zu werden; wir lehnen es ab, Angreifer oder Komplizen von nuklearen Katastrophen zu werden, ich rufe zum Widerstand auf, dass atomare Katastrophen jeglicher Art vertuscht, verheimlicht oder verschwiegen werden.

Frau Takahashi (rechts) bei der Rede im Festival “Résistantes”

TAKAHASHI, HIROKO: Professorin für Geschichte, Universität von Nara, Japan. Diese Rede wurde am 9 August 2025 im Rahmen des „Résistantes“-Festivals in Frankreich gehalten.